https://www.faz.net/-gyl-8eb5e

Dienstreisen nach Asien : „Firmen sollten ihre Leute mit Atemmasken ausstatten“

  • Aktualisiert am

Versinkt immer wieder im Smog: Indiens Hauptstadt Delhi Bild: AP

Wie sich Geschäftsreisende auf starken Smog in Asien vorbereiten können und was die Giftstoffe in den Lungen anrichten können, erklärt der reisemedizinische Berater Axel Telzerow im Interview.

          3 Min.

          Herr Telzerow, Geschäftsreisende denken oft: So kurz wie ich in der Stadt bin - da wird der Smog nichts machen. Ist das falsch oder richtig gedacht?

          Das kommt darauf an: Liegen Vorerkrankungen an Herz oder Lunge vor, kann es schnell zu Verschlechterungen kommen. Hier empfiehlt sich vorab eine reisemedizinische Beratung. Gesunde stecken die Smog-Belastung meist weg, doch auch für sie steigt das allgemeine Entzündungsrisiko - etwa der Atemwege oder im Mittelohr. Je länger der Aufenthalt, desto mehr wächst die Gefahr einer chronischen Erkrankung wie Asthma oder einer Schädigung des Herz-Kreislauf-Systems, bis hin zu Schlaganfall und Herzinfarkt. Wer einen Arbeitseinsatz ab drei Monaten plant, sollte seine Tauglichkeit prüfen lassen. Alle Reisenden sollten sich im Vorfeld gut informieren: auf Websites, über Apps und bei ihren Kollegen vor Ort. Wie die tagesaktuellen Werte einzuschätzen sind, zeigt die Skala der amerikanischen Umweltbehörde EPA zur Luftqualität.

          Macht es einen Unterschied, ob die Reise nach Neu-Delhi oder Abu Dhabi geht?

          Axel Telzerow arbeitet als Berater für Reise- und Arbeitsmedizin in Frankfurt.

          Die stickige Glocke wird umso dichter, je mehr Autos und Fabriken Abgase und Schadstoffe in die Luft pusten und je weniger der örtliche Wind davon verteilen kann. Im Vergleich mit Feinstaub aus natürlichen Quellen wie Wüstensand ist gerade der ultrafeine Staub aus Verbrennungsmotoren sehr aggressiv: Bleiben größere Partikel beim Einatmen noch in Nase und Rachen hängen, dringen kleinste Schwebeteilchen tief ins Lungengewebe, gelangen ins Blut und lagern sich auch in anderen Gefäßen und Organen ab. Laufen die Motoren völlig ungeschützt wie häufig noch in Neu-Delhi, ist die Smog-Belastung im Jahresmittel sogar höher als in Peking, wo Industriestandards vermehrt überprüft werden. Allerdings gibt es dort eine Spitze in der winterlichen Heizperiode. Beim Haze in Südostasien spielen zudem Brandrodungen eine Rolle.

          Wie können sich Geschäftsreisende vor Smog am besten schützen?

          Zu den kurzfristigen Folgen von Smog zählen Reizungen, vor allem der Schleimhäute und Bronchien. Deshalb gilt es in den Städten für die Reisenden, möglichst wenig von dem Feinstaub einzuatmen. Die Unternehmen können dazu einiges beitragen: indem sie Kooperationen mit Hotels wählen, die nicht nur Filter in der Klimaanlage haben, sondern auch belegen, dass sie diese Filter regelmäßig warten lassen. Sonst werden die Filter nutzlos und allmählich zu Keimschleudern. Die Firmen können ihre Leute auch mit wirksamen Atemmasken nach der europäischen Norm EN 149 ausrüsten, die hier geprüft und zertifiziert worden sind. Sobald die Smog-Werte steigen, sollten die Reisenden sich draußen weniger belasten und für ihren Sport lieber aufs Laufband im Hotel stellen. Wenn vor Ort die Schulen geschlossen werden, sollte jeder lange Wege im Freien meiden. Für Raucher ist das eine gute Gelegenheit, sich von der Zigarette zu verabschieden: Da ihre Lungen vorgeschädigt sind, haben sie noch weniger Schutz, und der Dreck kommt noch besser in die Bronchien durch.

          Wie lässt sich die unangenehme Reizwirkung von Smog eindämmen?

          Gegen trockene Augen helfen Tropfen; Meersalz-Spülungen lindern die Schwellung in der Nase. Gegen das Kratzen im Hals, das Räuspern oder den Hustenreiz helfen Bonbons. Doch all das lindert nur die Symptome, nicht die schädigende Wirkung des Smogs. Vor einer Entzündung bietet eine vitamin- und mineralienreiche Ernährung mit viel Obst einen gewissen Schutz. Die gute Nachricht ist, dass die Entzündungen schnell wieder abklingen, wenn sie nicht zu weit fortgeschritten sind und die belastete Stadt bald verlassen wird. Wer kann, sollte einen Ausflug in Gebiete mit besserer Luft machen.

          Beeinflusst Smog die Leistungsfähigkeit am Verhandlungstisch?

          Wer Smog ausgesetzt ist, hat häufig mit noch mehr beeinträchtigenden Faktoren zu kämpfen, etwa dem Jetlag. Wie eine Untersuchung zeigt, wirkt sich das in der Gesamtschau spürbar auf die Konzentrationsfähigkeit aus. Auch Kopfschmerzen können auftreten.

          Wie erholt sich der Körper am schnellsten von der Belastung?

          Vor und nach einer solchen Reise gilt: Genug Ruhe- und Erholungszeiten einplanen. Am Zielort ist der Körper gestresst und wird für Krankheiten anfälliger. Wieder zu Hause, unterstützt etwa ein langer Spaziergang die schnelle Regeneration. Im Vorfeld kann sich der Geschäftsreisende überlegen: Ist die Reise wirklich notwendig, oder lässt sie sich mittels Videokonferenz erledigen? Schließlich trägt jeder mit seinem Flug zur Vermehrung von Feinstaub und Schadstoffen bei.

          Weitere Themen

          Die Zukunft des Fliegens

          Luftverkehr nach Corona : Die Zukunft des Fliegens

          Corona hat den internationalen Luftverkehr fast komplett kollabieren lassen. Jetzt löst er sich langsam aus seiner Schockstarre und muss feststellen, dass es keine Rückkehr zur Normalität gibt.

          Topmeldungen

          Transatlantische Risse: Jens Stoltenberg, Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel im Dezember 2019 in Großbritannien.

          Trump und Europa : Es kann noch schlimmer kommen

          Schon jetzt ist dank Trumps Rhetorik und Politik des Spaltens viel Gift im transatlantischen Verhältnis. Sein möglicher Wahlsieg im November könnte den Westen nachhaltig schwächen.
          Um die Kimaschutzbewegung ist es ruhig geworden in der Corona-Krise.

          Gastbeitrag zum Weltumwelttag : Wachstum durch kluge Klimapolitik

          Die Herausforderung durch die Corona-Pandemie hat das Thema Klimawandel verdrängt. Doch die Klimakrise ist nicht verschwunden. Sichere Arbeitsplätze und eine starke Klimapolitik sind beim Neustart der Wirtschaft kein Widerspruch. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.