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Die täglichen Wege : Arbeit macht mobil

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cypian Koscielniak

Mobilität ist zu einem festen Bestandteil der modernen Arbeitswelt geworden. Stundenlange Anfahrtswege, häufige Dienstreisen - jeder zweite Deutsche kennt das aus eigener Erfahrung. Nicht jeder hält auf Dauer durch.

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          Eines Nachts ist Andreas Frick aufgewacht und wusste nach einem langen Arbeitstag nicht mehr, in welchem Hotel er sich befand. Er stand auf, ging ins Bad, um auf den Handtüchern den Hotelnamen zu entziffern, schlich sich wieder ins Bett, und in dem Moment wurde ihm schlagartig klar: "So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt." Dieses Erlebnis liegt etwa anderthalb Jahre zurück und stammt aus einer Zeit, in der Frick - aus beruflichen Gründen - jeden Monat bis zu 14.000 Kilometer in seinem Dienstwagen hinter sich gelassen hat. Vier Jahre hat er als Umzugsplaner Menschen beraten, die ihren Wohnort wechseln wollten. Dafür ist er quer durch Deutschland gereist, hatte bis zu 30 Kundentermine in der Woche auf seinem Terminkalender stehen.

          Frick ist auch heute noch beruflich viel unterwegs. Allerdings hat er sich seine nächtliche Schrecksekunde zu Herzen genommen und seine Situation entschärft: Der gelernte Bürokaufmann hat den Arbeitgeber gewechselt, nachdem ihm sein früherer Chef den Wunsch nach einem ruhigeren Posten nicht erfüllte. Bei seinem neuen Arbeitgeber ist er als Verkaufsdirektor nun öfter vom Büro aus tätig. In den vergangenen acht Monaten ist er nur noch 60.000 Kilometer mit dem Auto gefahren. Inzwischen legt er weite Strecken auch im Zug oder Flugzeug zurück. Frick hat damit seine Lebenssituation verbessert und geschafft, was sich viele Menschen vornehmen, wenn sie unter den Folgen der ständigen Mobilität leiden.

          Die erste repräsentative Studie

          Fast jeder zweite Deutsche zwischen 25 und 54 Jahren hat Erfahrungen mit berufsbedingter Mobilität. Dies ist ein Ergebnis der Studie "Job Mobilities and Family Lives in Europe" - die erste repräsentative Studie zu berufsbedingter räumlicher Mobilität in Deutschland, Spanien, Frankreich, Polen, Schweiz und Belgien. Sie ergründet die Ursachen, die Verbreitung und die Folgen, die mit dieser flexiblen Arbeits- und Lebensweise einhergehen. Dabei unterscheiden die Autoren zwei Mobilitätsformen: Als "residenziell mobil" bezeichnen sie jene Menschen, die wegen des Berufes für immer oder mindestens für ein Jahr umgezogen sind. "Zirkulär mobil" sind hingegen die Menschen, die nur am Wochenende nach Hause kommen, die mindestens 60 Mal im Jahr aus beruflichen Gründen außer Haus übernachten oder wenigstens dreimal in der Woche eine Stunde Anfahrtsweg zum Arbeitsplatz haben.

          Dabei hat sich gezeigt, dass die zweite Gruppe, auf alle mobile deutsche Arbeitnehmer bezogen, mit 80 Prozent den größten Anteil ausmacht. Ein berufsbedingter Umzug kommt für die fahrbereiten Deutschen nur in 20 Prozent aller Fälle in Frage. Vor allem Männer ziehen den Anfahrtsweg zur Arbeit vor, statt wegen des Berufs umzuziehen, ganz gleich, ob sie Familie haben oder nicht. Frauen hingegen wechseln eher ihren Wohnort, aber nur, solange sie noch kinderlos sind. "Wenn Frauen ihre Mobilität aufgeben, ist das ein Effekt des Familienstandes und nicht des Geschlechts. Dies führt auch dazu, dass sie auf dem Arbeitsmarkt stärker benachteiligt werden", sagt Norbert Schneider, Leiter der Studie und des Instituts für Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

          Erschöpft vom Zwang

          Über die Hälfte aller Mobilen in Deutschland halten ihre Fahrten für unvermeidlich, 12 Prozent erleben sie sogar als Zwang, jeder Zweite fühlt sich zudem häufig erschöpft. Oft bleibt für eigene Bedürfnisse kaum noch Zeit, sogar die Gesundheitsvorsorge leidet: Man geht seltener zum Arzt und bewegt sich weniger. Die Folge sind Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rückenbeschwerden. Nur die wenigsten sehen in der Mobilität eine Chance, etwa für die berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung, und verbinden damit positive Dinge. Trotzdem gehören die Deutschen, verglichen mit den genannten Nachbarländern, zu den beweglichsten Erwerbstätigen. Einerseits liegt dies an dem vergleichsweise hohen Anteil vollerwerbstätiger kinderloser Frauen in Deutschland und andererseits daran, dass in einem Land mit großer Fläche auch weitere Distanzen überbrückt werden müssen.

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