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Die beliebtesten Ziele (6) : Small Talk auf Französisch

Pariser Blickachse: vom Triumphbogen Richtung La Défense Bild: fotolia.com

Frankreich bietet für Deutsche gute berufliche Chancen, alleine schon weil die beiden Länder ihre jeweils wichtigsten Handelspartner sind. Doch man muss Französisch können und kulturelle Hürden meistern.

          3 Min.

          Im französischen Industriegase-Konzern Air Liquide kursiert ein Tableau, das die Namen der Führungskräfte in roter oder in blauer Farbe festhält. Blau bedeutet französische Nationalität, rot nichtfranzösisch. "Ziel des Unternehmens ist es, das rote Element zu verstärken", sagt Vorstandsmitglied Klaus-Jürgen Schmieder. Im Klartext heißt das: Air Liquide sucht als weltweit tätiger Konzern mehr ausländische Führungskräfte. Zudem wird die Frauenförderung großgeschrieben.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          "Als nichtfranzösische Frau haben Sie besonders große Chancen, weil Sie dann zweimal punkten", berichtet der deutsche Manager, der 2004 zu Air Liquide in Paris stieß, nachdem die Franzosen den Gasehersteller Messer Griesheim gekauft hatten. Frankreich ist aufgrund der Größe seiner Volkswirtschaft und ihrer Verwobenheit mit dem Nachbarn östlich des Rheins ein aufnahmefähiger Arbeitsmarkt für Deutsche. Die Konkurrenz hält sich zudem in Grenzen, denn so viele Deutsche sprechen nicht Französisch. Nur gerade einmal 90 Personen hat die deutsche Zentralstelle für Arbeitsvermittlung 2006 nach Frankreich vermittelt - deutlich weniger als beispielsweise ins deutschsprachige Ausland oder etwa nach Großbritannien.

          „Wenn ich nicht Französisch könnte...“

          Das Beherrschen der Landessprache gilt als unverzichtbare Voraussetzung für den Erfolg in Frankreich. "Wenn ich nicht Französisch könnte, würde ich mich aus dem Kreis der Wissenden und Mitmachenden ausschließen", berichtet Schmieder sogar über den Weltkonzern Air Liquide, in dem alle Führungskräfte Englisch können, die Franzosen auf den Schlüsselpositionen aber doch immer wieder gerne auf ihre Landessprache zurückkommen. Ausländer könnten mit Französisch auch Pluspunkte sammeln: "Es macht viele Franzosen sehr stolz, wenn man ihre Sprache spricht und sich für ihre Kultur interessiert", hat Vorstand Schmieder beobachtet.

          Denn Frankreich ist so nah und doch so fern zugleich - die kulturellen Unterschiede der Nachbarländer füllen Bücher. In den sprachlichen Feinheiten finden sie oft ihren Niederschlag, weshalb Vorsicht bei wörtlicher Übersetzung angebracht ist. Sprechen Deutsche beispielsweise von einem Kompromiss, dann denken sie an einen vernünftigen Ausgang, der alle voranbringt. Die Franzosen dagegen verstehen einen "compromis" oft als Lösung, bei der alle verlieren. Ein Konzept erachten die Deutschen als einen präzise ausgearbeiteten Plan, die Franzosen das "concept" aber nur als erste Idee. Wenn Deutsche zum Improvisieren gezwungen werden, dann finden sie dies oft dilettantisch, die Franzosen dagegen entwickeln gerade dann eine besondere Stärke. "Die Franzosen sind besser im Improvisieren. Mit Problemen können sie flexibler und kreativer umgehen. Viele Deutsche sind dafür stark prozessorientiert und werden gelegentlich aus der Bahn geworfen, wenn es anders läuft als geplant", meint Matthias Paffrath, Wirtschaftsprüfer bei der deutsch-französischen Beratungsfirma Coffra in Paris, die viele Mittelständler als Kunden hat.

          Hierarchien stärker ausgeprägt

          Die Erfahrungen der Deutschen in Frankreich sind so zahlreich wie die Ausnahmen in der französischen Grammatik. Spitzenmanager Schmieder arbeitet nach eigenen Angaben mit hochqualifizierten Kollegen in einem Klima, das den kritischen, aber konstruktiven Dialog unter den Mitarbeitern fördert. Damit ist aber keine für französische Unternehmen unbedingt typische Kultur beschrieben. In anderen Unternehmen ist nämlich auch von einer Arbeitskultur zu hören, die dem Chef immer recht gibt. "Häufig sind in Frankreich die Hierarchien stärker ausgeprägt", sagt Unternehmensberater Paffrath, "Auch wird stärker mit Ellenbogen gearbeitet". Andere berichten von französischen Seilschaften, die, undurchdringlich für Ausländer, mit der französischen Politik oder einer bestimmten Hochschule verwoben sind.

          Indes besteht das Leben nicht nur aus Arbeit - eine Devise, die in Frankreich nie vergessen werden sollte. "Der Small Talk, der in Deutschland immer etwas gebremst wird, ist in Frankreich für das Geschäftsklima unheimlich wichtig", sagt Goetz Karbe, Direktor bei Air Liquide. Hier kommt auch das berühmte Mittag- oder Abendessen ins Spiel, das bekanntlich gerne ausgedehnt wird. "Das Geschäftsessen ist die Situation, bei der in Frankreich sicherlich mit Abstand die meisten wichtigen Entscheidungen getroffen werden."

          Alles umgekehrt wie in Deutschland

          Wie in vielen anderen Bereichen ist auch beim Essen alles umgekehrt wie in Deutschland. "Während in Deutschland ein Geschäft mit dem Essen beendet wird, wird in Frankreich eine Geschäftsbeziehung mit einem guten Essen begonnen", heißt es in einem Ratgeber der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer. Besonders wichtig: nicht schon bei der Vorspeise ein wichtiges Thema ansprechen, rät die Kammer. Manche Essen enden nach Auffassung der Deutschen ohne greifbares Ergebnis. Die Franzosen sehen das anders: Immerhin hat man sich kennengelernt, das zählt schließlich auch. Bei aller Konzentration auf die Unterschiede zwischen deutschen und französischen Gepflogenheiten sollte man "die Probleme aber auch nicht überbewerten", meint Unternehmensberater Paffrath. Ausländer müssen überall mit Sensibilität und Respekt gegenüber dem Gastland auftreten, wollen sie dort akzeptiert werden.

          Der bürokratische Aufwand für den Wechsel nach Frankreich ist minimal. "Man braucht nur eine Sozialversicherungs-Nummer. Das ist eine Sache von Stunden", erklärt Paffrath. Auch das Schulthema ist für deutsche Kinder in der Regel kein Hindernis, gibt es doch neben der Deutschen Schule und internationalen Einrichtungen auch deutsche Zweige auf französischen Schulen, jedenfalls im Großraum Paris und in einigen Großstädten. Die private Integration steht dagegen auf einem anderen Blatt. So wie in England nach der Arbeit mit den Kollegen ein Bier trinken gehen ist nicht verbreitet. Bis man eine Einladung nach Hause bekommt, dauert es häufig länger. In Deutschland kann das einem Ausländer freilich genauso gehen.

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