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Topmanager : Einsam an der Spitze

Jenseits konkreter Problemlösungen gibt der Berater seinen Alpha-Tieren vor allem zwei Empfehlungen: „Immer authentisch sein!“ Und zweitens? „Wenn du mit deiner Frau einen Operntermin hast, vergiss ihn niemals!“

Kampf ums Privatleben

Jemandem wie Cai Kramer braucht er das nicht mehr zu raten. Der 51 Jahre alte Manager wird gerne geholt, wenn es bei einem Unternehmen brennt. Kramer denkt schnell und redet zackig. Für ihn „fangen die privaten Probleme schon an, wenn ich mich für einen neuen Job entscheide“. Dann wohne die Familie im einen Ort, und die Arbeitsstätte sei plötzlich fünf Autostunden entfernt. „Dann sehen Sie Ihre Familie nur noch von Freitagnacht bis Sonntagabend“, berichtet er. „Oder Sie nehmen die Familie mit; aber dann kennt Ihre Frau am neuen Ort niemanden, und Sie müssen zusehen, dass Sie Ihre Familie wieder verdrahtet kriegen. Sonst haben Sie das nächste Problem an der Backe.“ Für ihn steht fest: „Wer sagt, meine Spitzenposition funktioniert mit dem Privatleben reibungslos, der lügt.“ Deshalb will er in diesem Text anders heißen.

Damit es privat harmonischer läuft, hat sich Kramer inzwischen zwei Mobiltelefone zugelegt, ein privates und ein dienstliches. „Und ich habe dem Eigentümer gesagt: Ruf mich drei Mal wegen irgendwelchem Quatsch auf dem Privathandy an, und ich hol mir ein neues.“ Der Inhaber habe erst mal geschluckt, die Regel aber akzeptiert.

Für schwierige Entscheidungen hat sich Kramer über die Jahre ein Netz aus befreundeten Spezialisten aufgebaut. So könne er kniffelige Fragen diskutieren und eine neutrale Meinung hören. „Aber natürlich gibt es Entscheidungen, über die man nachts lange nachdenkt.“

Auch Rettungssanitäter müssen ihren Tag verarbeiten

Diese Erfahrung eint alle Manager, auch Per Ledermann hat sie gemacht. Der Chef des Schreibwarenherstellers Edding sieht den Grund darin, dass es „bei jeder Entscheidung mehrere Möglichkeiten gibt, sonst wäre es ja keine Entscheidung. Und in den seltensten Fällen kann die Excel für einen ausrechnen. Meistens weiß man noch nicht mal hinterher, ob man die beste Entscheidung gefällt hat und der andere Weg nicht doch ein bisschen besser gewesen wäre.“ Darüber lasse sich dann trefflich grübeln.

Aber muss man deshalb Mitleid mit Deutschlands Spitzenmanagern haben? Wer nicht nur Orangen am Fließband sortiert, muss für viel weniger Geld auch schwierige Entscheidungen treffen. Und welcher Rettungssanitäter liegt nachts nicht im Bett und verarbeitet seinen Tag?

Andererseits sind Belastung und Verantwortung eines Spitzenmanagers oft besonders hoch. Ledermann etwa hat die Führung des Familienunternehmens bereits mit 29 Jahren übernommen. „Das war eine extreme Verantwortung für mich, schließlich ging es um das Lebenswerk meines Vaters.“ Deshalb habe er zunächst jeden Stein persönlich umdrehen wollen. „Aber dabei reibt man sich auf. Ich musste erst lernen, dass es meine primäre Aufgabe ist, dem Unternehmen eine Richtung und Energie zu geben.“ Auch emotional ist Ledermann inzwischen ganz bei sich angekommen. Gerne verweist er auf eine intakte Familie und einen großen Freundeskreis.

Nicht nur die Leistung zählt

Unter den Vorstandsvorsitzenden zählt Ledermann damit zur glücklichen Hälfte. In einer großen Befragung des Harvard Business Review von 2012 erklärte jeder zweite Spitzenmanager, bisweilen einsam zu sein. Zwei Drittel davon gaben wiederum zu, dass ihre Arbeitsleistung unter dieser Einsamkeit leide.

„Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Einsamkeit und Alleinsein unterschiedliche Dinge sind“, sagt Psychologe Sascha Kern. Die Führungsfunktion eines Vorstands bringe faktisches Alleinsein häufig mit sich. Einsamkeit hingegen sei „eine bunte Mischung von Gefühlen. Angst und Niedergeschlagenheit sind häufig dabei.“

Damit es nicht so weit kommt, rät er seinen Gesprächspartnern, „ihr Haus nicht nur auf einer Säule zu bauen, die lediglich aus Leistung und der Anerkennung von anderen besteht. Sollten nämlich einmal Misserfolg oder großer Druck auf diese Konstruktion kommen, gerät leicht das ganze Gebäude ins Wanken.“

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