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Topmanager : Einsam an der Spitze

Alleine im Hotelzimmer

Auch Gunther Wobser. Seit zwölf Jahren führt er den Anlagenbauer Lauda, doch trotz seiner Erfahrung hat er bisweilen schlaflose Nächte. „Wenn es um harte personelle Entscheidungen geht, mache ich mir sehr viele Gedanken“, sagt Wobser. Er frage sich dann, wie er den Betroffenen und dem Unternehmen gleichzeitig gerecht werden könne. „Bei diesen Entscheidungen bin ich einsam.“ Und nicht nur dann. „Auch im routinemäßigen Geschäftsalltag gibt es Einsamkeit“, berichtet der Mittvierziger. „Wenn Sie häufig allein in Hotelzimmern sind, ist das nicht angenehm.“ Auf einer seiner letzten Geschäftsreisen habe er am Wochenende kein Wort mit jemandem gewechselt. „Da fangen Sie auf einmal an, mit sich selbst zu sprechen und sagen: ,Ich gehe jetzt mal frühstücken.“ Auch abends an der Bar „sitzen dann nur einsame Manager. Da sagt man ja nicht: ,Hey, wollen Sie mal mit mir sprechen?“ Ein befreundeter Geschäftsführer nutze in solchen Momenten Facebook „als seine letzte Verbindung zur Außenwelt“.

Alles andere als traumhaft sei auch die Arbeitsbelastung. „Mal ein Buch lesen oder nichts tun, das mache ich selten“, berichtet Wobser und nippt an seinem Kaffee. Immerhin habe er später im Flieger nach Philadelphia Momente der Ruhe. „Nicht so wie die Konzern-Leute, die dann gleich an ihren Laptops klappern.“

Wer Wobser erlebt, zweifelt nicht daran, dass er seinen Beruf liebt und trotz seines vollen Terminkalenders noch viele Jahre weitermachen will. Um den Druck abzubauen, sucht er regelmäßig mit ausgewählten Mitarbeitern das Gespräch, anderen Unternehmern und Beratern. Vor Kurzem hat Wobser ein Unternehmen in den Vereinigten Staaten gekauft. „Da brauchen Sie gleich ein Bündel an Beratern: einen Wirtschaftsprüfer, einen Juristen, einen Steuerberater und einen für Verhandlungsführung und Angebotsgestaltung.“ Die Themen seien „inzwischen so vielfältig, da schaffen Sie es gar nicht, überall ein Experte zu sein“.

Zwei von drei Managern nehmen keinerlei externe Hilfe an

Viele Entscheider in der Wirtschaft sehen das genauso - und holen trotzdem keinen fremden Rat ein. In einer Studie der Stanford Graduate School bekundeten zwar fast alle der 200 befragten Entscheider, prinzipiell Interesse an einem Coaching zu haben. Zwei Drittel von ihnen gaben jedoch an, keinerlei externe Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Stefan Grötecke kennt das Problem. Der selbständige Unternehmensberater hat mehr als 20 Jahre Erfahrung im Personalwesen und berät viele Führungskräfte. „Alle schleppen irgendwelche Themen mit sich rum und suchen jemanden, mit dem sie darüber reden können.“ Von ihrer ganzen Persönlichkeit her seien seine Kunden aber Alpha-Tiere. „Aus ihrer Sicht würden sie Schwäche zeigen, wenn sie im Gespräch Schwierigkeiten zugeben. Das ist die Hürde, deshalb machen es viele nicht“, sagt Grötecke.

„Die toben erstmal“

Diejenigen, die doch über ihren Schatten springen und ihn aufsuchen, lassen oft zunächst Dampf ab. „Teilweise kommen sie zu mir ins Büro und toben erstmal“, berichtet der Personalexperte. Erst später gehe es dann darum, die Situation auf die wesentlichen Probleme zu reduzieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. „Dann geht derjenige, denkt darüber nach und kommt wieder. Später wird weiterdiskutiert.“ Grötecke ist überzeugt: „Das Verfahren verhindert viele unsinnige Schnellschüsse. Es führt zu besseren Entscheidungen.“

In der Regel erfährt der Berater aus dem Rheingau auch viel aus dem Privatleben seiner Kunden. Deren Probleme seien meist die gleichen, die jeder normale Arbeitnehmer auch habe. „Du warst lange bei der Arbeit, kommst nach Hause und denkst: Ich würde jetzt gerne mit meiner Frau reden, Zeit mit dem Kind verbringen und mal wieder Sport machen - nur wie bekomme ich das alles unter einen Hut?“ Für eine Führungskraft verschärfe sich diese Frage, sagt Grötecke. „Der hat noch viel weniger Zeit und dadurch mehr Druck im Kessel.“

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