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Neue Arbeitswelt : Der Siegeszug des Homeoffice

Ein Frau arbeitet in Homeoffice. Bild: dpa

Auch nach Corona will mehr als jedes zweite Unternehmen verstärkt von zu Hause aus arbeiten lassen. Die Arbeitnehmer wird das freuen – doch nicht alle profitieren.

          3 Min.

          In der Corona-Krise ging plötzlich alles ganz schnell: Von heute auf morgen arbeiteten Millionen Deutsche im Homeoffice. Was vorher oft als technisch oder organisatorisch nicht machbar abgetan wurde, war plötzlich möglich. Zwar wechselten längst nicht so viele Menschen an den heimischen Schreibtisch wie mitunter angenommen: Forscher der Universität Mannheim zählten Ende März 25 Prozent der in Deutschland Erwerbstätigen zu der Gruppe, die komplett oder überwiegend im Homeoffice arbeiteten. Im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten, als Eurostat-Daten zufolge nur jeder Zwanzigste von zu Hause aus arbeitete, sind das spektakuläre Werte.

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die entscheidende Frage, die sich viele Betroffene nun stellen: War das alles nur ein Strohfeuer, oder bleibt das Homeoffice eine dauerhafte Option der neuen Arbeitswelt? Eine aktuelle Umfrage deutet auf einen echten Siegeszug hin. Mehr als die Hälfte der Unternehmen will nach Corona verstärkt von zu Hause aus arbeiten lassen, zeigen Daten aus aktuellen Ifo-Unternehmensbefragungen. „Die Corona-Krise könnte einen dauerhaften Schub fürs Homeoffice bedeuten“, ist Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien, überzeugt. Für viele Unternehmen sei die Umstellung mit beträchtlichen Investitionen einhergegangen. Diese Neuorganisation der Arbeit werde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vollständig rückgängig gemacht werden.

          Ungenutztes Homeoffice-Potential

          Der Trend zum Homeoffice ist demnach betriebswirtschaftlich motiviert. Die Arbeitnehmer dürfte es freuen: Schon jetzt interessieren sich deutlich mehr Menschen auf Jobsuche für Arbeitsplätze, die Homeoffice ermöglichen. Allerdings zeigen Umfragen zugleich, dass das dauerhafte Arbeiten von zu Hause für viele Beschäftigte eher eine Be- als eine Entlastung ist. Es kommt also offenbar auf das richtige Maß an.

          Die Ifo-Daten legen nahe, dass längst nicht das volle Homeoffice-Potential in deutschen Unternehmen ausgeschöpft ist. Auf 56 Prozent beziffern die Forscher den Anteil der Beschäftigten, die prinzipiell zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten könnten. Frühere Studien waren zu deutlich verhalteneren Prognosen gekommen. Die Ifo-Forscher begründen das mit Unterschieden in der Methodik: Anstatt Berufe danach abzuklopfen, ob sie im Freien ausgeübt werden oder das Bearbeiten von E-Mails erfordern, definieren sie das Homeoffice-Potential eines Berufes als den Anteil der Erwerbstätigen, die nicht ausschließen, dass Homeoffice in ihrem Job möglich ist. Demnach könnte sogar in der Landwirtschaft jeder Dritte ab und an Arbeiten von zu Hause erledigen.

          Bild: F.A.Z.-Grafik nbl.

          „Ich kann die Ifo-Ergebnisse absolut unterstreichen“, sagt auch die Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager, Inga Dransfeld-Haase. Eine Rückkehr zur vollständigen Präsenzkultur werde es wohl nicht geben. Dass sich die Unternehmen plötzlich geläutert zeigen, begründet sie mit der „kollektiven Lernerfahrung“ in der Corona-Krise. Jetzt gehe es darum, die Umstellung langfristig zu gestalten und bei einer Mischform zwischen Präsenz- und Homeoffice-Kultur anzugelangen, ohne dabei den „sozialen Frieden“ unter den Mitarbeitern zu gefährden.

          Ein Luxus, der nicht jedem zusteht

          „Deutlich geworden ist, dass durch die Wochen der Corona-Pandemie Veränderungen stattgefunden haben, die sich vorher niemand hätte vorstellen können und die lange nicht realisierbar erschienen“, sagt Norma Schöwe, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Auch wenn Homeoffice oder das „New Normal“ noch einiger technischer Realisierbarkeit sowie bestimmter Rahmenbedingungen bedürfe, könne es zu einer alternativen neuen Arbeitsform werden. „Was nach der Corona Pandemie bleiben wird, ist das Vertrauen und die Erkenntnis, dass mobiles und virtuelles Arbeiten auf Distanz gut und leistungsfähig funktionieren kann.“

          Skeptischer ist da Katja Möhring, Professorin an der Universität Mannheim. „Wir sehen schon jetzt, dass der Anteil derer, die weiterhin von zu Hause arbeiten, deutlich gesunken ist.“ Tatsächlich zeigen aktuelle Daten der Mannheimer Corona-Studie, dass inzwischen wieder über 60 Prozent der Erwerbstätigen an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt sind. Bis eine tatsächliche Veränderung der Unternehmenskultur einsetze, sei wohl doch ein längerer Zeitraum notwendig, glaubt Möhring. 

          Homeoffice ist zudem ein gewisser Luxus: Zu Hause arbeiten können der Ifo-Studie zufolge vor allem Menschen im Westen Deutschlands, häufig Akademiker und Besserverdiener.

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