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Marshmallow-Test : Nimm mich!

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In vielen Situationen ist es gut, dass wir über dieses heiße System verfügen: Es macht uns bewusst, dass wir die Schokolade essen müssen, bevor wir verhungern. Oder weglaufen, wenn wir ein Raubtier sehen. Das heiße System denkt an das Hier und Jetzt. Es ist in gefährlichen Situationen lebensrettend. In vielen Alltagssituationen hingegen, die im Beruf oder in der Familie eine große Rolle spielen, steht es im Widerspruch mit unseren langfristigen Zielen: etwa gesund zu leben, anstatt Süßigkeiten zu essen; oder auf eine Beförderung zu warten, anstatt sich mit dem Status quo zufriedenzugeben.

Mischel behauptet, dass wir das kalte System aktiv trainieren können. Dazu sei vor allem die mentale Einstellung wichtig: Der Neurowissenschaftler rät, wichtige Entscheidungen nicht in Stress- oder Ausnahmesituationen zu treffen, sondern seine Optionen in ruhiger Umgebung nüchtern abzuwägen. Stress aktiviere unser heißes System. Es hilft, sich nach dem Aufstehen, wenn ein neuer Tag beginnt, die Tagesziele ganz bewusst vorzusagen. Wer sich vor den Spiegel stellt und sich laut davon überzeugt, ein Projekt realisieren zu wollen, anstatt seine Zeit auf Facebook zu vergeuden, hat höhere Chancen, seine Tagespläne umzusetzen - wie die Kinder beim Test, die sich laut vorsagten, den Marshmallow auf keinen Fall anzurühren.

Die richtige Erziehung erspart viel Training im Erwachsenenalter

Einen ähnlichen Ratschlag gibt Gabriele Oettingen, Psychologin an der New York University und an der Universität Hamburg. Sie ergänzt Mischels Ansatz und plädiert dafür, positives und realistisches Denken zu kombinieren. Dabei gibt sie folgenden Tipp auf Basis ihrer Untersuchungen: „Man muss an sein Ziel denken, das man ansteuern will. Man muss sich für einige Minuten vorstellen, das Ziel zu erreichen. Und dann muss man den Gang wechseln und sich vorstellen, welche Hindernisse man dafür überwinden muss.“ Dieser zukunftsorientierte, realistische Brückenschlag „von jetzt auf morgen“, bei dem man positiv denkt und sich zugleich die Hürden bewusst macht, sei die beste Strategie, um seine Karriere erfolgreich zu planen.

Alle wissenschaftlichen Ansätze sind sich in einer Überlegung einig: Wer seine Willenstärke verbessern will, muss über die richtige Einstellung verfügen. Glaube versetzt ja bekanntlich Berge. Das Gehirn ist ein enorm flexibles Organ, das wir unabhängig von unserer Herkunft trainieren können. Diesen Spielraum gilt es auszunutzen. Gleichzeitig lässt sich aus Sicht der Forschung nicht bestreiten, wie wichtig eine gute Schulbildung und eine kritische Erziehung für berufliche sowie familiäre Erfolge sind. Institutionen und Eltern geben die wichtigsten Impulse für die lang anhaltende Entwicklung von Neugier und Wissensdurst.

Die richtige Erziehung erspart viel mentales Training im Erwachsenenalter. Dabei wird jedem Elternteil geraten, seine Schützlinge nicht zu bemuttern, sich der Kuschelpädagogik zu widersetzen und zu lernen, auch mal „nein“ zu sagen. Auf diese Weise lernen Kinder, sich auf ein Leben zwischen Autonomie und Selbstkontrolle vorzubereiten, wo man Geduld aufbringen und Stolpersteine aus dem Weg räumen muss, um seine Lebensträume zu realisieren - und Süßigkeiten mal links liegenlassen muss. Zumindest eine Weile lang.

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