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Demographie : Hier werden Senioren wie Sperrmüll behandelt

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Alter Mann, was nun?

Alter Mann, was nun? Bild: REUTERS

Japan exerziert anderen Industrienationen vor, was die demographische Krise alles mit sich bringt. 2007 gehen Millionen Männer in den Ruhestand. Eigentlich eine Chance für qualifizierte Arbeitskräfte auch aus Europa. Eigentlich.

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          Obdachlose, die vor dem Mini-Zelt die Schuhe abstreifen? Das gibt es nur in Tokio - genauer, am Park beim Wadakura Square. Vor den granitgrauen Mauern, die die Kaiserlichen Gärten vor bürgerlichen Blicken schützen, haben sie zwischen Kissen-Kiefern, Bänken und Mandelbäumen ihre Zelte aufgeschlagen. Kein Müll, keine Flaschen stören das manikürte Bild. Meist sind die durchweg älteren Männer vor ihrer mobilen Bleibe in Lektüre vertieft. Daß Ordnung Teil der Zen-Meditation ist, vergessen in Japan selbst Unbehauste keinen Moment lang.

          "Es werden mehr", sagt Atsushi Seike, Professor für Arbeitsökonomie an der Keio-Universität. "Diese Männer werden, kaum sind sie pensioniert, von ihren Ehefrauen vor die Tür gesetzt." Die Zahl der Scheidungen von Paaren, die mindestens 30 Jahre Ehe verbindet, hat sich in der vergangenen Dekade vervierfacht - und die Initiative ergreifen in der Regel die Ehefrauen. Deren Synonyme für die lästigen Spätheimkehrer lauten denn auch etwa "Sperrmüll" oder "feuchtes Laub" .

          Das „2007-Problem“ geht um

          Kein Zweifel, der Ruhestand ist ein Thema in Japan, nicht nur für die Soap Operas im Fernsehen, die die trennungsfreudige Omi als Heldin entdeckt haben. Mehr noch als das Phänomen der "Scheidungen im reifen Alter" allerdings treibt das Land das "2007-Problem" um: Zwischen 1947 und 1949 wurden besonders viele Kinder in Japan geboren, die "Babyboomers". Jetzt, mit 60, geht diese fleißige Angestellten-Generation in den Ruhestand. Das sind ab 2007 auf einen Schlag jährlich 2,7 Millionen Rentenbezieher mehr, was die Sozialsysteme vor ein massives Problem stellt - den frühen Ruhestand kann sich das Land schon lange nicht mehr leisten.

          Bild: F.A.Z.

          Die Babyboomer müßten länger arbeiten, um erst später ihre Rente zu beziehen. Zumal diese Männer und Frauen fit, gesund und erfahren sind - und anders als in Mitteleuropa geradezu darauf aus, noch nicht aus der Arbeitswelt hinausgekegelt zu werden. Denn die ist nach wie vor eine Stütze vor allem des männlichen Ego - mit gemeinsam erlebtem Feierabend, Kneipenbesuchen oder Golfrunden am Wochenende.

          Sollen sie halt bleiben, könnte die Antwort lauten. Geht aber nicht. Die Unternehmen möchten ihre Belegschaften verjüngen und können die teuren Senioren gar nicht schnell genug loswerden. Denn in Japan, wo Firmentreue erfunden wurde, gilt: Je länger ein Angestellter einem Unternehmen angehört, desto höher sein Lohn. Die Babyboomer, angetreten in den Wunderjahren der sechziger Jahre, haben es zu überdurchschnittlich hohen Gehältern gebracht.

          Bloß weg vom Senioritätsprinzip

          "Diese Gehaltsstruktur sollte überarbeitet werden", sagt Professor Seike. "Allmählich müßte vom Senioritäts- auf ein striktes Leistungsprinzip umgestellt werden." In japanischen Ohren klingen solche Ideen unerhört.

          Die Situation sei allerdings "widersprüchlich", schiebt Seike nach. Einerseits sei die Pensionsgrenze das einzige Instrument, um die Belegschaft systematisch zu verjüngen. Andererseits gehe natürlich auch Erfahrung verloren. Der Autobauer Toyota etwa hat daher schon einzelnen 2007er-Rentnern angeboten, sie unter anderen Bedingungen weiterzubeschäftigen - in Teilzeit oder mit befristeten Verträgen.

          Wenn man so will, exerziert Japan anderen Industrienationen vor, was die demographische Krise alles mit sich bringt. Japan wird älter, Kinder sind echte Mangelware, und immer mehr Frauen erobern gutbezahlte Jobs und denken nicht daran, sich dem konventionellen Rollenbild zu unterwerfen. Daß die Geburtenrate zu den niedrigsten sämtlicher Industrienationen gehört, macht Seike und seinen Kollegen Sorgen.

          Arbeitskräfte aus dem Ausland gesucht

          "Wir brauchen qualifzierte Arbeitskräfte aus dem Ausland", sagt Seike. Besonders in der Stahl-Branche, auch in der High-Tech-Industrie. Aber wie sie heranlocken, die begehrten gut ausgebildeten Nachwuchskräfte? Zuwanderung ist ein Fremdwort in Fernost. Wäre doch nur Japanisch nicht so eine komplizierte Sprache, die sich dem fremden Ohr nur langsam erschließt. "Top-Leute aus Indien und China gehen heute in die Vereinigten Staaten, da fallen wir hinten runter", stellt der Arbeitsökonom fest. Und auch hier erweist sich das Senioritätsprinzip bei der Entlohnung als hinderlich: Bis ein Einsteiger gut verdient, gehen mindestens zehn Jahre ins Land.

          Das gräuliche Szenario wartet mit weiteren düsteren Facetten auf: Allein in den nächsten sieben Jahren wird die Zahl der jungen Japaner zwischen 20 und 29 um drei Millionen zurückgehen. Nicht lange, und einer von vier Japanern ist älter als 65 Jahre. Gerade die Zwanzig- bis Vierzigjährigen aber sind bekanntlich das Rückgrat der Wirtschaft - sie sollen die Produktion ankurbeln.

          „Was soll ich nur zu Hause?“

          "Was soll ich nur zu Hause?" fragt sich auch Yasuji Fujita, der seit mehr als 20 Jahren im Tokioter Palace Hotel, in Blickentfernung der kleinen Zelte des Wadakura Square, an der Rezeption arbeitet. Er hat zwar noch zwölf Monate Zeit bis zur Pensionierung, doch wenn davon die Rede ist, legt sich sein Gesicht in noch mehr Kummerfalten. Sein Sohn wohnt in der Provinz, die Tochter, alleinstehend, ist im Beruf hoch engagiert und scheint wenig Neigung zu haben, die Freizeitgestaltung der Eltern zu übernehmen.

          Herr Fujita hofft, die Hoteldirektion werde auf seine Erfahrung so schnell nicht verzichten. "Diese Senioren sind gesund, und sie haben noch einige Jahre vor sich", weiß auch Seike. Frauen werden in Japan durchschnittlich 85 Jahre alt, Männer 78. Daß sie besonders fit sind, hat eben erst wieder eine WHO-Studie bewiesen, die Japan nicht nur als erste "super-aged society" etikettierte, sondern japanischen Oldies mit 75 Jahren noch "gesunde Lebenserwartung" bescheinigte. Sushi sei Dank - übergewichtige Rentner sind im Straßenbild die absolute Ausnahme.

          Gesund, wohlhabend, unternehmungslustig - die Zahl der "Europe in six days"-Touristen wird mit Sicherheit zunehmen. Gut möglich allerdings, daß bald noch mehr dieser Gruppen deutlich weiblich dominiert werden. Den Sperrmüll haben sie entsorgt.

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