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Demographie : Ein Lotse kommt an Bord

Bild: Franz Bischof

Viele mittelständische Unternehmen sind nicht auf die Alterung der Gesellschaft vorbereitet. Bundesweit werden deshalb nun Demographielotsen geschult, um ihr Wissen in Betriebe zu tragen.

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          In Beratungsgesprächen ist Frank Hoffmann geübt. Als Geschäftsführer einer kleinen Firma empfiehlt er Unternehmen, wie sie ein betriebliches Gesundheitsmanagement aufbauen können. Die Gesellschaft altert und mit ihr auch die Mitarbeiter. „Gewinne sind abhängig von einer gesunden Belegschaft“, ist Hoffmann überzeugt. Deshalb fällt die Seminarübung dem Unternehmer, schlank, Anfang 50, halblanges lockiges Haar, nicht schwer. In einem Rollenspiel soll er zwei andere Teilnehmer davon überzeugen, warum sie eine Demographie-beratung brauchen könnten. Einfühlsam geht er auf ihre Bedenken ein – Kosten, Aufwand, ein bereits etabliertes Qualitätsmanagement. Am Ende aber haben sie sich doch einnehmen lassen. Der zunehmende Krankenstand des fiktiven Pflegedienstes könnte etwas mit unnötigem Arbeitsdruck zu tun haben. Sie laden Hoffmann zumindest zu einem Zweitgespräch ein.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          160 Demographielotsen werden derzeit in der gesamten Republik ausgebildet. Bis November werden sie drei Schulungsrunden und viele Stunden Selbststudium hinter sich bringen. Und sie werden in 350 bis 400 klein- und mittelständischen Unternehmen kostenlose Erstberatungen abgeschlossen haben. Rund zwei Drittel der Betriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern glauben, dass der demographische Wandel sie vor keine Probleme stellt. „Noch gibt es keinen echten Leidensdruck. Wir haben offenbar größere Erfahrungen darin, mit abrupten Änderungen umzugehen“, sagt Götz Richter von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

          Eine bunte Truppe

          Über sie fördert das Bundesarbeitsministerium das Schulungsprojekt mit 350.000 Euro für zwei Jahre. Es soll gleich dreierlei bewirken: In den Testberatungen der Seminarteilnehmer sollen die Betriebe sensibilisiert werden und erste Handlungsfelder aufgezeigt bekommen. Die Berater sollen sich mit Techniken vertraut machen und sie in der Praxis einüben. Aus Altersstrukturanalysen etwa können sie Rückschlüsse ziehen, wie das Personal geführt, rekrutiert und qualifiziert werden sollte und wie Arbeitsprozesse altersgerecht gestaltet werden. Und schließlich sollen sie mit den anderen Teilnehmern ein Experten-Netzwerk bilden, in dem jeder weiß, an wen er sich wenden kann, wenn er mit dem eigenen Fachwissen nicht mehr weiterhilft.

          Schon in Braunschweig ist eine bunte Truppe zusammengekommen: Eine ehemalige Kriminalbeamtin sitzt neben einer Sozialwissenschaftlerin. Drei Kollegen der Wolfsburger Wirtschaftsförderung gegenüber hat ein ostdeutscher Uni-Mitarbeiter Platz genommen, der sich darum bemüht, Absolventen in seiner Region zu halten. „Bei uns in Sachsen-Anhalt ist der Wandel früher sichtbar als woanders“, sagt Marco Lipke. „Weil die kleinen Betriebe kaum Mittel haben, um Absolventen anzuwerben, vermitteln wir sie ihnen.“

          „Es ist bemerkenswert, welches Vorwissen die Teilnehmer mitbringen“, sagt Seminarleiter Hans-Jürgen Dorr. Entsprechend niveauvoll verlaufen die Gruppendiskussionen und Rollenspiele. Neben der Angestellten einer Betriebskrankenkasse sitzt Susanne Gansweid. Sie arbeitet in der Personalabteilung der Goldbeck GmbH in Bielefeld. Das Bauunternehmen setzt Gewerbehallen aus Fertigkomponenten zusammen. „Bei uns ist die Demographie ein Thema, weil die Mitarbeiter früh ausfallen und dadurch Wissen verlorengeht“, sagt die Mittzwanzigerin. Der neue Personalleiter des Unternehmens nimmt die Alterung ernst. Goldbeck beschäftigt 2400 Mitarbeiter und muss nicht erst sensibilisiert werden.

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