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Sucht am Arbeitsplatz : Kollegen auf dem Crystal-Trip

Drei Nächte durcharbeiten: Crystal macht wach - und wenn man wieder müde wird, braucht man mehr davon. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nächtelang am Computer durcharbeiten können nur Überflieger - und Drogenabhängige. Warum immer mehr Arbeitnehmer selbst vor harten Suchtmitteln nicht haltmachen.

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          Dass vernachlässigte Kinder in tristen Plattenbauten zu Heroinsüchtigen heranwachsen können, weiß man spätestens seit dem Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Ende der siebziger Jahre. Und die sorgfältige Linie Kokain, die hartgesottene Wallstreetbanker auf ihren Mahagoni-Schreibtischen ziehen, wird immer wieder in Hollywoodfilmen glorifiziert. Doch Anfang der Woche sorgte eine Studie des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) an der Universität Hamburg für Aufregung, die den Konsum von Crystal Meth und Speed durch Arbeitnehmer und Studenten in Deutschland dokumentierte. Seitdem ist erstmals wissenschaftlich belegt: Ausgerechnet diese beiden Hardcoredrogen spielen auch im Arbeitsleben eine Rolle. Offensichtlich sind vor allem Handwerker und Büroangestellte empfänglich dafür. Für die Studie wurden 400 Konsumenten zu ihren Lebensumständen, ihren Konsumgewohnheiten und ihrem ersten Kontakt zu Rauschgiften befragt.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Noch immer ist allerdings Cannabis die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Droge. 4,5 Prozent der Erwachsenen haben diese Substanz im vergangenen Jahr konsumiert, wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung im November berichtete. Danach sind Kokain mit 0,8 Prozent und Amphetamine wie Speed mit 0,7 Prozent am weitesten verbreitet. Konkrete Zahlen über den Konsum von Crystal liegen noch nicht vor, aber schon die Nachricht über den gedankenlosen Einsatz im Büro oder „auf Montage“ ist alarmierend. Denn die synthetische Droge gehört zum Härtesten, was der Markt derzeit zu bieten hat. Vielen Menschen, die mit dem Gedanken spielten, mit Crystal Meth ihre Arbeitsleistungen hochzudopen, sei gar nicht klar, dass dieses Mittel in einer anderen Liga spiele, sagt Christa Roth-Sackenheim, eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und die Vorsitzende des Verbands deutscher Psychiater.

          „Crystal Meth eine der gefährlichsten Drogen unserer Zeit überhaupt“, sagt Roth-Sackenheim. Warum? Nutzer fallen in der Regel nach einer Dosis in ein tiefes Loch, werden depressiv und können sich überhaupt nicht mehr konzentrieren. „Die Konsumenten entwickeln sehr schnell das Bedürfnis danach, die Droge wieder einzunehmen, wir nennen das ein starkes Craving. Das liegt daran, dass Crystal Meth von der ersten Anwendung an die Hirnchemie verändert.“ Hunger, Durst und Müdigkeit werden unterdrückt, weil die Energie für die Steigerung des Stoffwechsels und der Atmung benötigt wird, heißt es in einem Handzettel der Leipziger Drogenberatungsstelle Drug Scouts. Manche berichten davon, dass sie nach dem Konsum drei Tage nicht schlafen konnten. Puls, Blutdruck und Körpertemperatur steigen an, die Pupillen sind erweitert. Die Droge löst Euphorie und ein gesteigertes Selbstbewusstsein aus, vor allem aber erhöht sie die Aufmerksamkeit und steigert die Leistungsfähigkeit. Von Schmerz keine Spur.

          Das kann man im Job gut gebrauchen, was die Hälfte der Befragten in der ZIS-Studie auch als einen Grund nennt, Crystal Meth zu schniefen oder zu rauchen. Nur so gelingt es manchen, überhaupt noch den gesteigerten Anforderungen im Arbeitsleben gerecht zu werden, für Selbständige bedeutet ein solcher Zuwachs an Leistungsfähigkeit sogar bares Geld. Er nehme die Drogen, um „das Leistungsniveau zu haben, das man auf die Jahre gewohnt ist“, berichtet einer der Befragten in der unkonventionellen Studie, die im Wesentlichen auf direkten Gesprächen in Drogenkliniken, Suchtberatungsstellen oder auf Befragungen über Internetforen basiert. Einer wollte schlicht „beweisen, dass er auch mit 54 noch fit für den Arbeitsmarkt ist“. Auch alleinerziehende Mütter nehmen der Studie zufolge Crystal Meth, um die Arbeit und den anstrengenden Nachwuchs unter einen Hut zu bekommen.

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