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Sucht am Arbeitsplatz : Kollegen auf dem Crystal-Trip

Sogar Handwerksmeister im vorgerückten Alter sind betroffen

Schnell wird deutlich: Die bisherigen Klischees über Konsumenten von Drogen kann man getrost über Bord werfen. Es sind nicht einmal nur die jungen Kollegen, die mit solchen Drogen hantieren, weil sie schon Erfahrungen beim privaten Partyrausch damit gemacht haben. Auch der Handwerksmeister im vorgerückten Alter greift zur Leistungssteigerung auch schon mal zu Crystal Meth, berichtet Sascha Milin, der an der Studie mitgearbeitet hat. Er hat eine klare Tendenz beobachtet: Wer stark körperlich tätig ist, greift eher zu Crystal Meth. Menschen, die monotone, langweilige Bürotätigkeit zu erledigen haben, etwa über Nacht stundenlange Korrekturen übertragen müssen, versuchen sich die Arbeit dagegen eher mit Speed erträglich zu machen.

Die positiven Wirkungen der Designerdrogen sind teuer erkauft. Das Teuflische am Crystal Meth ist laut der Psychiaterin Roth-Sackenheim die komplette Veränderung des Charakters der Person, die es einnimmt: „Selbst Heroinkonsumenten bleiben oft voll sozial integriert, während Crystal Meth nach kürzester Zeit dazu führt, dass Persönlichkeiten völlig versanden, Beziehungen kaputtgehen, ein normales Alltagsleben überhaupt nicht mehr möglich ist.“ So folge im Arbeitsleben aus dem Wunsch, die Leistung mit Hilfe der Droge zu steigern, oft genug am Ende der Verlust des Jobs.

Am Arbeitsplatz wird das Problem meist totgeschwiegen

Dass viele Süchtige im Kontext mit Stress bei der Arbeit oder im Studium zum ersten Mal damit experimentiert haben, findet Roth-Sackenheim nicht überraschend. „Wir leben heutzutage in einem regelrechten Machbarkeitswahn. In der Arbeitswelt muss alles gleichzeitig erledigt werden, zum Abschalten bleibt in Zeiten des Smartphones selbst in der Freizeit zu wenig Raum.“ Da liege es nahe, dass Drogen im Trend sind, die den Ruf haben, die Leistung zu steigern. Hinzu kommt, dass Drogensüchtige in festen Arbeitsverhältnissen weniger auffallen als ihre Leidensgenossen auf der Straße. Meist ist das Einkommen so ordentlich, dass sie ihren Drogenkonsum selbst finanzieren können, ohne auf Beschaffungskriminalität ausweichen zu müssen. „Vielen gelingt es, über Jahre zurechtzukommen, ohne bei der Suchthilfe zu landen“, berichtet der Forscher Sascha Milin. Sie besorgten sich ihren Stoff aus dem Bekanntenkreis und verheimlichen die negativen Auswirkungen.

Obwohl Kollegen die Persönlichkeitsveränderungen häufig negativ auffallen, wird das Problem am Arbeitsplatz meist totgeschwiegen. Dabei stecken Arbeitgeber in einem Dilemma: Einerseits haben sie für ihre Mitarbeiter eine Fürsorgepflicht, auf der anderen Seite müssen sie deren Persönlichkeitsrechte wahren. In die wird insbesondere mit einem Drogentest eingegriffen. Unternehmen können das Problem lösen, indem sie die Pflicht für solche Drogentests im Arbeitsvertrag festhalten. Für regelmäßige Untersuchungen ist eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat notwendig.

In der Studie bestätigen die Forscher ein Phänomen, das Drogenbeauftragte schon seit längerem beobachten: Noch immer variiert die Verbreitung der Designerdroge Crystal stark von Region zu Region. Besonders entlang der tschechischen Grenze in Bayern oder Sachsen ist Crystal verbreitet. „Sich in Hamburg Crystal zu besorgen ist dagegen wesentlich schwieriger“, sagt Milin. Viele Drogenfachleute befürchten, dass sich das bald ändern könnte. Und auch die Suchtexpertin Roth-Sackenheim kommt zu der bitteren Erkenntnis: „Die Versuchung ist riesengroß.“ Das liege nicht zuletzt daran, dass Crystal Meth „spottbillig“ zu haben sei, oft für nur fünf Euro je Dosis, da es „ganz einfach in jeder Küche hergestellt werden kann“.

Noch gänzlich ungelöst ist das Problem, welche Belastungen Drogensüchtige für das Gesundheitssystem bedeuten, warnte die frühere Drogenbeauftragte der Bundesregierung in ihrem letzten Bericht aus dem November. Zwar gab es bis dahin noch wenig Erkenntnisse zu Crystal und Speed, doch am Beispiel der Heroinsüchtigen zeigte sich: Langzeitabhängige zeigen oft Erkrankungen und Gesundheitszustände, die sonst erst 20 Jahre später auftreten. Auch das gerät aus dem Blick, wenn nur die schnelle Leistungssteigerung zählt.

Ein Interview mit der Psychiaterin Christa Roth-Sackenheim zum Missbrauch von Crystal Meth durch Studenten lesen Sie hier.

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