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Crowdfunding : Schnapsidee sucht Kapitalspritze

Vorzeigeprojekt: Den Ausbau der Kölner Bühne „Clubbahnhof Ehrenfeld“ haben lokale Crowdfunder finanziert. Bild: Mirko Polo

Erfinder und Künstler sind heute nicht mehr auf große Investoren angewiesen. Im Internet kann fast jeder Geld für originelle Ideen einsammeln. Für Kühltruhen mit Lautsprecher etwa oder für ausgeklügelte Bahnhofsumbauten. Doch es gibt auch Risiken.

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          Nein, als erfolgreich konnte man Ryan Grepper bisher nicht unbedingt bezeichnen. Seine Tätigkeit kann am besten mit dem schönen, altmodischen Wort Erfinder beschrieben werden. Seine Ideen sind so abgefahren, dass man sie sich einfach einmal ansehen muss: Er entwickelte einen Hundenapf, den man auf die Größe einer Kreditkarte zusammenfallten konnte. Er konstruierte einen Tacker, der gleichzeitig Klebeband ausgeben kann. Und er baute ein Katapult, das kleinformatige Schnapswackelpuddinge verschoss, um so das Alkoholverbot in San Diego zu umgehen.

          Franz Nestler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Schnapsideen haben eines gemeinsam: Niemand wollte sie. Grepper sieht das naturlich anders: „Zumindest wegen des Katapultes wurde ich in die Playboy-Villa eingeladen - also war es ein Erfolg“, resümmiert der 39-Jährige humorvoll auf seinem Blog im Internet und garniert das mit den passenden Fotos von sich selbst und den Damen von Playboy.

          Nach kommerziellen Maßstäben gilt Grepper als gescheitert. Das hätte sich wohl auch nicht geändert, wenn nicht 2009 die Internet-Plattform Kickstarter gegründet wurde, die unter anderem von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey finanziert wurde. Sie ermöglicht Erfindern, aber auch Künstlern, Videospiel-Designern und allen anderen Kreativen, Geld direkt von ihren Fans einzusammeln. Das Konzept dahinter ist einfach: Wer eine Produktidee hat, stellt sie auf der Plattform vor und gibt an, wie viel Geld er für die Realisierung benötigt. Wer die Idee gut findet, gibt einen gewissen Betrag.

          Kleine Beträge - große Summen

          Indem viele Menschen (eine „Crowd“) eher kleinere Beträge spendieren („funden“), kommen so vergleichsweise große Summen zusammen. Sollte der Punkt, an dem die Realisierung möglich ist, nicht erreicht werden, bekommen die Spender ihr Geld zurück. Sollte das Produkt jedoch realisiert werden, bekommen die Finanziers die versprochene Gegenleistung: etwa das finanzierte Produkt oder auch Dinge immaterieller Natur - wie eine Widmung oder Danksagung. Die Plattform ist ein unternehmerischer Erfolg, bisher wurden mehr als 1,7 Milliarden Dollar für 85077 verschiedene Projekte eingesammelt. Es ist eine Oase für Erfinder und alle anderen Kreativen, man könnte auch Verrückte sagen - oder, positiver, Enthusiasten.

          Hier schließt sich der Kreis zu Ryan Grepper. Kurz nach dem Besuch eines Colleges war der Amerikaner gelangweilt vom üblichen Büroalltag. Um dennoch seine kostspieligen Ideen zu finanzieren, arbeite er halbtags bei der Handelskette Sears, um sich dann in seiner Freizeit seinen Erfindungen zu widmen. Sein Lieblingsprojekt war eine Kühltruhe mit einem Mixer, die auf Picknicks mit Familie und Freunden viel Anklang fand. Aus dieser Idee heraus entstand der „Coolest“, wie die Kühltruhe doppeldeutig heißt. Außer der Kühltruhe und dem Mixer war noch ein Bluetooth-Lautsprecher integriert sowie eine Lademöglichkeit via USB-Kabel. Doch das Projekt erreichte das selbst gesteckte Ziel von 125.000 Dollar auf Kickstarter nicht, es kamen nur 100.000 Dollar zusammen. Und wie es den Kickstarter-Regeln entspricht, ging das Geld dann nicht an Grepper, sondern an die Spender zurück.

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