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Was sich durch Corona ändert : Stresstest für den Berufsalltag

Bestellungen aus den Apotheken wollen nicht abreißen, das merken die Mitarbeiter bei Pharma-Großhändlern. Bild: dpa

In der Corona-Krise verändern sich viele Berufe radikal. Fünf Betroffene vom Hausarzt über einen Tour-Manager bis zur Journalistin berichten, wie ihr Alltag gerade kopfsteht.

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          20 bis 30 Verdachtsfälle jeden Tag

          Mitten unter den Neubauten des Frankfurter Stadtteils Riedberg bietet die Hausarztpraxis von Reiner Goltermann ein ungewohntes Bild. In den ansonsten stets gefüllten Behandlungsräumen herrscht Leere. Stattdessen erhalten die Patienten nur nach Termin und vorzugsweise einzeln Zutritt. Die wenigen spontanen Besucher werden direkt beim Eingang von der Dame in Schutzkleidung nach den klassischen Symptomen für einen Corona-Verdacht befragt. „Haben Sie hohes Fieber, schnellen Puls oder Schwierigkeiten mit der Atmung?“ „Gegenwärtig haben wir zwischen 20 und 30 Verdachtsfälle am Tag“, berichtet Goltermann. Die Zahl dürfte mit der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland rasch steigen. Um den steigenden Zustrom an Anfragen in den Griff zu bekommen, schaltete der erfahrene Facharzt für Allgemeinmedizin frühzeitig auf die telefonische Beratung seiner Patienten und auf Video-Sprechstunden um, die er auf seiner Website anbietet. Anfangs sei die Resonanz zögerlich gewesen, sagt er. Doch inzwischen sind die Dialoge per Video und Telefon probate Mittel, um Ängste von Patienten zu zerstreuen oder frühzeitig Verdachtsfälle abzuklären. Meldungen von Kollegen, wonach viele verängstigte Patienten gegenüber dem medizinischen Personal aggressiv auftreten, kann Goltermann bislang nicht bestätigen: „Die meisten reagieren besonnen und sind in der Regel gut informiert“, sagt er.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was den Stress Goltermanns, der mit seinen Helfern und Kollegen wechselweise von zu Hause aus und in seiner Praxis arbeitet, dennoch erhöht: „Unsere personellen Ressourcen werden knapp, und die nötige Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel sind Mangelware.“ Damit steht Goltermann nicht allein. Ebenso wie der hessische Facharzt fühlen sich auch viele Kollegen in Deutschland von den zuständigen Behörden unzureichend unterstützt. Nach einer Umfrage des Ärzte-Netzwerks Coliquio unter mehr als 1000 Medizinern aus Kliniken und Praxen sorgt die unzureichende Ausstattung für größte Probleme: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass es an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln fehle. Bei weiteren 30 Prozent geht der Vorrat zur Neige. Weil die Arztpraxen mit Corona-Tests schon jetzt überfordert sind, richtete die Kassenärztliche Vereinigung über das Bundesland zunächst zehn Testcenter ein, in denen Patienten mit einem ernsthaften Verdacht auf Corona empfangen werden. Doch auch bei diesem Vorhaben traten große Engpässe bei den Corona-Testkits für Nasen- und Rachenabstriche auf. Die Vereinigung wandte sich in ihrer Notlage an die Fachärzte in der Region, um diesen Engpass zu überbrücken. Doch auch bei dieser Anfrage musste Goltermann passen, weil seine eigenen Vorräte immer knapper werden.

          Ulrich Friese

          16 Stunden am Tag

          „Eine Flut von Fragen“, nennt Kaschlin Butt die unzähligen Anrufe, die Sie seit kurzem täglich bekommt. Butt ist Leiterin des Gesundheitsamts Wiesbaden. Sie und ihre Mitarbeiter sind seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie eine der ersten Anlaufstellen für die Sorgen und Ängste der Bevölkerung. Inzwischen bestehen ihre Hauptaufgaben darin, Bürgerinnen und Bürger über eine Info-Hotline zu beraten und den bekannten Infektionsfällen nachzugehen. Das heißt: Es werden, wenn möglich, alle Kontaktpersonen ausfindig gemacht, um sie in Quarantäne zu schicken oder testen zu lassen. So etwas geschehe sonst nur in Ausnahmesituationen, etwa bei den selten auftretenden Fällen von offener Tuberkulose, sagt Butt. Um die 16 Stunden arbeitet sie derzeit täglich, mehrere sieben Tage lange Arbeitswochen hat sie schon hinter sich. Eine Urlaubssperre gilt sowieso. Wenn Aufgaben abgegeben werden können, übernehmen die inzwischen andere Ämter. Angst, sich anzustecken, hat Butt aber nicht, das meiste laufe ja übers Telefon. Aber die Belastung ist hoch, die Arbeit mitunter frustrierend: „Manchmal muss man Maßnahmen umsetzen, obwohl sie gar nicht mehr so wirksam sind“, sagt sie. Hatte man am Anfang des Ausbruchs noch gehofft, das Virus in Deutschland ganz aufhalten zu können, gehe es jetzt darum, die Ausbreitung zu verlangsamen. Deswegen sei es aber weiterhin wichtig, den bekannten Infektionsfällen nachzugehen.

          Lina Kujak

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