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Corona und der Arbeitsmarkt : Es ist Zeit für Einstellungszuschüsse!

  • -Aktualisiert am

Eine Auszubildende im Unternehmen Hruby Werbetechnik Bild: dpa

Unerwünschte Nebenwirkungen der staatlichen Hilfe, wie etwa Drehtüreffekte, lassen sich stark begrenzen. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Im Jahr 2009 stürzte Deutschland in eine tiefe Rezession, aber die Katastrophe am Arbeitsmarkt blieb glücklicherweise aus. In diesem Jahr wird es aber keine Wiederholung des damaligen Drehbuchs geben. Denn der Arbeitsmarkt wurde nicht nur durch Kurzarbeit gut durch die Finanzkrise gebracht, sondern auch durch relativ stabile Neueinstellungen. Im April und Mai 2020 sind die Abgänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung und die Meldungen neuer Stellen dagegen auf rund 50 Prozent des Vorkrisenniveaus eingebrochen.

          Corona droht daher zur Neueinstellungskrise zu werden. So wie das Kurzarbeitergeld Betriebe dabei unterstützt, Entlassungen zu vermeiden, brauchen wir deshalb dringend auch eine Förderung von Neueinstellungen. Von diesen gibt es normalerweise etliche Millionen pro Jahr – wenn auch nur ein Teil ausbleibt, sind langwierige Arbeitslosigkeit und eine „Generation Corona“ von Absolventen programmiert.

          Es gibt gute und wissenschaftlich abgesicherte Argumente für eine solche temporäre Einstellungsförderung in der jetzigen Krise. So zeigt eine qualitativ gut gemachte Studie, dass ein vorübergehender Einstellungszuschuss im Krisenjahr 2009 in Frankreich erhebliche positive Beschäftigungseffekte entfaltete.

          Mitnahmeeffekte als Gegenargument

          Eine makroökonomische Simulationsstudie für Deutschland ergibt darüber hinaus, dass ein Einstellungszuschuss Beschäftigung und Bruttoinlandsprodukt wesentlich stärker erhöhen würde als die gleichen Bruttoausgaben für traditionelle Staatsausgabenprogramme. Der Multiplikatoreffekt ist bedeutend größer, weil direkt Jobs und Einkommen geschaffen werden.

          Temporäre und unerwartete Einstellungszuschüsse würden das Bruttolohnniveau unmittelbar kaum verändern, da Regeln wie Tarifverträge und Mindestlöhne den Rahmen setzen. Folglich würden diese zu einem großen Teil bei den einstellenden Arbeitgebern ankommen und entsprechend die Einstellungsanreize stark erhöhen.

          In der wirtschaftspolitischen Debatte werden vor allem Mitnahmeeffekte als Argument gegen Einstellungszuschüsse vorgebracht. Natürlich wäre es unvermeidlich, dass der Einstellungszuschuss auch in vielen Fällen bezahlt würde, in denen die Einstellung ohnehin erfolgt wäre. Interessanterweise wurden ähnliche Argumente bei anderen Maßnahmen wie der geplanten Mehrwertsteuersenkung kaum vorgebracht (Konsum, der sowieso stattfinden würde).

          Starke Argumente für eine hohe Kosteneffektivität

          Unsere makroökonomischen Simulationen zeigen, dass die Mitnahmeeffekte bei einer temporären Mehrwertsteuersenkung größer sind als bei temporären Einstellungszuschüssen. Es geht hier keineswegs darum, gegen eine Mehrwertsteuersenkung zu argumentieren, sondern darum, dass Einstellungszuschüsse den Arbeitsmarkt sehr effektiv aus der Krise bringen könnten. Die empirische Studie für Frankreich liefert starke Argumente für eine hohe Kosteneffektivität von Einstellungszuschüssen. Danach kompensieren allein die eingesparten Sozialausgaben die Bruttokosten des Zuschusses. Einstellungszuschüsse zahlen sich also auch fiskalisch aus.

          Eine Einstellungsförderung sollte aktuell möglichst einfach und umfassend ausgestaltet sein. Eine praktikable Lösung bietet der als „Rettungsschirm für Neueinstellungen“ diskutierte Vorschlag, bei neuen Jobs zeitweise auf die Zahlung von Sozialbeiträgen durch die Arbeitgeber zu verzichten und diese stattdessen aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren.

          Bei Arbeitgeberbeiträgen von rund 21 Prozent würde das erhebliche finanzielle Anreize setzen – und zwar insbesondere für frühzeitige Einstellungen, die entsprechend länger von der monatlichen Förderung profitieren. Die Bruttokosten für ein halbes Jahr lägen bei höchstens 5 Milliarden Euro, selbst wenn die Einstellungen durch die Förderung auf Vorkrisenniveau steigen würden. Den Bruttokosten stehen eingesparte Sozialausgaben sowie zusätzliche Steuer- und Beitragseinnahmen gegenüber. Ein erster Schritt in diese Richtung sind die Prämien für die Einstellung von Auszubildenden im Corona-Konjunkturpaket.

          Gravierende Risiken einer Neueinstellungskrise

          Wie bei jeder staatlichen Maßnahme sind unerwünschte Nebenwirkungen zu bedenken, insbesondere mögliche Drehtüreffekte. Diese lassen sich durch einfache Regeln stark begrenzen, indem etwa Fälle ausgeschlossen werden, in denen nach Bekanntwerden der Förderung ein Beschäftigungsverhältnis der betreffenden Person beim selben Arbeitgeber beendet wurde. Ein sinnvolles Kriterium wäre auch, dass das geförderte Beschäftigungsverhältnis länger als sechs Monate dauert. Derartige Regeln sind bei existierender Einstellungsförderung schwer vermittelbarer Personen erprobt, bei der sich kaum unerwünschte Nebeneffekte zeigen.

          Die Risiken einer anhaltenden Neueinstellungskrise in Deutschland sind gravierend. In den vergangenen Wochen gab es schon einen starken Rückgang der Einstellungen aus Arbeitslosigkeit. Mitnahmeeffekte bei Einstellungszuschüssen wären derzeit also so gering und die Kosteneffektivität damit so hoch wie lange nicht mehr. Es ist die richtige Zeit für Einstellungszuschüsse!

          Christian Merkl ist Professor für Makroökonomik an der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg.

          Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

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