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Arbeiten nach Corona : Schöne grüne Bürowelt?

Bei Capgemini führte die Pandemie dazu, dass nun viel intensiver als zuvor über das Thema Homeoffice nachgedacht wird. Corona habe dem Unternehmen vor Augen geführt, wie viel doch von zu Hause aus möglich ist, was zuvor als nicht praktikabel galt, berichtet Kux: „Wir waren ohnehin schon sehr digital aufgestellt, aber die Akzeptanz bei unseren Kunden hat sich stark erhöht.“ Zwar gebe es immer noch Kunden, bei denen die Kollegen vor Ort sein müssten. Aber die Bereitschaft, sich auch auf die Ferne per Videomeeting beraten zu lassen, habe stark zugenommen. Ähnliche Erfahrungen haben auch andere Unternehmen gemacht, etwa BMW, wo die Mitarbeiter nach Willen des Betriebsrats in Zukunft nur noch an drei Tagen je Woche ins Büro kommen sollen.

Mehr Strom und Heizung im Homeoffice

Solche Entscheidungen haben durchaus Auswirkungen auf die Umwelt. So fanden Forscher der Internationalen Energieagentur (IEA) im Juni dieses Jahres heraus, dass die Tatsache, dass Millionen Menschen rund um die Welt plötzlich von zu Hause aus arbeiten, einen direkten Einfluss auf den weltweiten Energieverbrauch hatte. Ihren Berechnungen zufolge könnten die jährlichen Emissionen um 24 Millionen Tonnen oder den gesamten Ausstoß der Metropolregion London sinken, würden die Menschen nur einen Tag in der Woche von zu Hause aus arbeiten.

Forscher Bertram relativiert allerdings: „All das ist kein Ersatz für eine Klimapolitik, die sicherstellt, dass in allen Sektoren der Wandel von fossilen hin zu nachhaltigen Energieformen gelingt.“ Zudem sei noch nicht gesagt, ob sich Homeoffice tatsächlich nur positiv in der Klimabilanz niederschlage. So wird angenommen, dass die Menschen zu Hause mehr Strom und Heizung nutzen als in Bürogebäuden und sich räumlich vergrößern, wenn sie mehr zu Hause sind.

Diesen Punkt brachten auch die IEA-Forscher in ihrer Analyse an. Doch der Trend scheint unaufhaltsam: Waren zuvor Ökostrom, energiearme Elektrogeräte und smarte Lichtkonzepte einige der Maßnahmen, die Unternehmen zur Reduzierung ihres Ressourcenverbrauchs ergriffen, hat Corona ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Viele Arbeitgeber haben im Zuge der Krise beschlossen, sich räumlich zu verkleinern oder den Umzug in ein neues, größeres Gebäude abzublasen.

Wieder mehr Einwegplastik

In anderen Bereichen führt die Pandemie hingegen zu Rückschritten, von denen nicht klar ist, ob sie wieder verschwinden werden. „In den Büros geben wir an den Empfängen Masken aus“, sagt Nachhaltigkeits-Managerin Kux. „Wir haben uns für Einwegmasken entschieden, weil diese als die wirksamsten gelten, obwohl wir eigentlich möglichst viel Müll reduzieren wollten.“ Eine weitere Herausforderung: „Natürlich haben wir unsere Flächen immer schon gereinigt, aber noch nie so oft und so intensiv wie im Moment.“ Zum Schutz vor Viren werde jetzt auch wieder viel häufiger Besteck einzeln in Plastik verpackt gereicht. „Das ist unter Müllvermeidungsgesichtspunkten natürlich nicht ideal.“

In vielen Cafés werden derzeit aus Hygienegründen keine Mehrwegbecher akzeptiert, auch das war bislang ein Bereich, in dem einige Unternehmen versucht hatten, ihre Mitarbeiter zu mehr Nachhaltigkeit zu erziehen. Bei Capgemini versucht man immerhin mit Mehrwegschalen und virenabweisenden Aufklebern auf Türgriffen entgegenzusteuern und die Masken möglichst lokal einzukaufen.

Angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen rät Klimaforscher Bertram zu Erwartungsmanagement: „Es ist noch nicht klar, was die Summe der unterschiedlichen Effekte auf das Klima sein wird oder ob es nur zu einer Verschiebung von Emissionen kommt.“ Grundsätzlich begrüßt er das Engagement der Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit. Es sei wichtig, dass sich die Menschen damit auseinandersetzen, wie Klimaschutz gelingen kann. Die größere Herausforderung sei es aber, auch in der Produktion Nullemissionen zu erreichen: „Ein Stahlkonzern muss sich mit seinem Kerngeschäft beschäftigen, die Büroarbeit ist da noch der kleinste Beitrag.“

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