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Digitalisierung : Corona läutet das Ende der Brief-Flut ein

Briefe in einem Zentrum der Deutschen Post in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Neun von zehn Unternehmen wollen von der Briefpost auf digitale Kommunikationswege umsteigen. Den Bürgern könnte das viel Papierkram ersparen.

          3 Min.

          Die Corona-Krise stellt die Arbeitswelt auf den Kopf: Das Homeoffice scheint nicht mehr aufzuhalten, Büroflächen werden verkleinert, Geschäftsreisen in Frage gestellt. Und nun beschleunigt die Pandemie auch das Ende der Briefpost, wie eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Den Bürgern könnte damit künftig viel Papierkram erspart bleiben. 

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Fast neun von zehn Unternehmen verfolgen der Umfrage zufolge das Ziel, Briefpost durch digitale Kommunikation zu ersetzen. Die Zahl habe sich seit dem Jahr 2018 verdoppelt, als noch lediglich 43 Prozent entsprechende Pläne hatten. Fast zwei Drittel der Unternehmen gelinge der Umstieg schon heute, ebenfalls ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Wert von vor zwei Jahren (30 Prozent). Für die Umfrage wurden 1104 Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten aus allen Branchen und 51 Organisationen der öffentlichen Verwaltung im Mai und Juni dieses Jahres befragt. 

          „Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft weiter“, sagte Peter Collenbusch, Vorsitzender des Bitkom-Kompetenzbereichs Digital Office. Zwar nutze derzeit noch etwa jedes zweite Unternehmen häufig oder sehr häufig ein Fax-Gerät und die Briefpost, doch gingen die Zahlen deutlich zurück. „Die Unternehmen läuten das Ende der Zettelwirtschaft ein“, schlussfolgerte der Digitalfachmann. 

          Post will digitales Angebot ausweiten

          Während sich viele Bürger darüber freuen dürften, dass sie in Zukunft wohl sehr viel weniger Post von Unternehmen und Behörden erhalten werden, sind das für die Deutsche Post eigentlich keine guten Nachrichten. 87 Prozent ihres Briefgeschäfts gehen auf Geschäftskunden zurück.

          Auf Anfrage teilte das Unternehmen indes mit, dass es die Digitalisierungsvorhaben von Geschäftskunden begrüße, „wenn es darum geht, die Privatempfänger künftig noch besser digital zu erreichen“. Die Post beruft sich auf ihre eigenen digitalen Angebote, etwa die Briefankündigung, und will Anfang kommenden Jahres mit dem digitalen Empfangen physischer Briefpost beginnen. Geschäftskunden sollen die Briefinhalte dann digital an die Post übermitteln können, die sie wiederum an die Privatkunden weiterleitet – vorausgesetzt, die Kunden haben dem zuvor zugestimmt. Das Produkt soll den physischen Versand aber nur ergänzen und nicht zwingend ersetzen. 

          Der Verband Bitkom geht davon aus, dass die Briefpost nicht durch einen, sondern mehrere Kanäle ersetzt wird: „Es geht in Richtung einer Multi-Channel-Kommunikation“, sagte Nils Britze, Bereichsleiter für Digitale Geschäftsprozesse. Der aktuellen Umfrage zufolge nutzen die Unternehmen digitale Kommunikationswege heute deutlich stärker als noch im Jahr 2018, ob nun Smartphone, Videokonferenz, Messenger-Dienste, Kollaborationstools oder soziale Medien. Jeder zweite Festangestellte verfüge über ein mobiles Arbeitsgerät mit Internetzugang, im Banken- und Finanzdienstleistungssektor seien es sogar 93 Prozent. Schlusslicht bildet hier die öffentliche Verwaltung, wo nur 40 Prozent der Mitarbeiter entsprechend ausgestattet sind. „Gerade in den zurückliegenden Monaten hat sich gezeigt, dass die Behörden hinterherhinken“, sagte Collenbusch. 

          E-Rechnungen könnten zum Standard werden

          In einem Bereich aber sind die Behörden Vorreiter: E-Rechnungen. 82 Prozent der befragten Dienststellen gaben an, schon elektronische Rechnungen zu erstellen, während in der Gesamtwirtschaft nur jede dritte Organisation damit arbeitet. Ihnen bleibt aber auch keine andere Wahl: Vom 27. November an müssen Unternehmen, die im Auftrag des Bundes tätig sind, Rechnungen per strukturiertem elektronischen Format stellen und übermitteln. Bitkom geht zwar davon aus, dass das Gesetz eine Kettenreaktionauch in der freien Wirtschaft auslösen wird und sich E-Rechnungen nach und nach als Standard durchsetzen werden – „gerade im Rechnungsaustausch ist derzeit aber noch viel Papier unterwegs“, sagte Britze.

          In der Umfrage wurden die Unternehmen auch nach ihren Investitionen in die Digitalisierung von Büro- und Verwaltungsprozessen gefragt. Jedes dritte gab an, im Vergleich zum Jahr 2019 mehr in diesen Bereich investieren zu wollen, jedes vierte Unternehmen plant allerdings mit weniger Ausgaben, was der Verband auf die Corona-Krise zurückführt. Insgesamt machten Unternehmen ab 500 Mitarbeitern größere Fortschritte als kleine und mittelständische. „Es ist dringend erforderlich, dass sich auch diese Unternehmen, die für die deutsche Wirtschaft essentiell sind, digital aufstellen“, sagte Collenbusch.

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