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Risiken durch Homeoffice : „Corona-Isolation führt zu Boreout-Gefahr“

Die Coronakrise stellt viele vor ganz neue Herausforderungen. Bild: dpa

Die Personal-Professorin Ruth Stock-Homburg spricht über die psychologischen Gefahren der aktuellen Krise und wie man sich dagegen wappnen kann.

          3 Min.

          Frau Stock-Homburg, was ist der Unterschied zwischen Boreout und Burnout?

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Boreout und Burnout hängen eng zusammen. Wenn Menschen zu wenig gefordert werden, zu wenig Input von außen bekommen und zu wenig lernen droht womöglich ein Boreout. Ist es zu viel von allem, steigt die Gefahr für ein Burnout.

          Seit wann befassen Sie sich mit dem Phänomen Boreout?

          Es gibt Szenarien, wonach Menschen im Jahr 2030 noch für vier Stunden Arbeit am Tag haben werden. Da stellt sich die Frage wie wir damit umgehen, auch um Boreout zu vermeiden. Doch die Corona-Isolation führt nun plötzlich schon zu einer großen Boreout-Gefahr.

          Was ist das Besondere an der aktuellen Lage durch Corona?

          Keiner weiß, wie lange die Phase andauert, wann sozusagen ein Licht am Ende des Tunnels in Sicht ist und die Maßnahmen zur Isolation gelockert werden. Solche extreme Unsicherheit in Verbindung mit immer neuen Maßnahmen können Menschen traumatisieren.

          Ruth Stock-Homburg ist Professorin für Marketing und Personalmanagement an der Technischen Universität Darmstadt.

          Was sind die Anzeichen für Boreout?

          Es gibt im Grunde drei wichtige Facetten: Langeweile, eine Sinnkrise, und Unklarheit über die eigenen Entwicklungen. Im Fall von Corona also Langeweile zu Hause, eine Sinnkrise aufgrund der Bedrohung und Unklarheit darüber, wo die Reise hingeht.

          Wer von seiner Arbeit gelangweilt ist, muss also noch lange nicht Boreout gefährdet sein?

          Nein, manche Menschen langweilt vielleicht ihr Job, aber sie verstehen, dass eine aktuelle berufliche Situation einem übergeordneten Ziel, zum Beispiel einem nächsten Entwicklungsschritt, dient. Sie sehen also in dem was sie tun einen Sinn und entwickeln sich weiter. Gefährlich wird es, wenn sie das Gefühl haben, in einer Sackgasse festzustecken und keine Perspektive mehr sehen. 

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          Nun ist Boreout kein klinischer Begriff. Welche Auswirkungen hat es auf die Gesundheit?

          Boreout selbst kann relativ schnell behoben werden, und zwar dadurch, dass man den Tätigkeitsbereich verändert, wie zum Beispiel durch einen Projekt- oder Abteilungswechsel, notfalls durch Kündigung. Kritisch sind allerdings die Folgen von Boreout wenn dieser Zustand über eine längere Zeitdauer anhält. Hier sprechen wir von psychologisch gravierenden Auswirkungen wie Depressionen und Angststörungen, unter denen in Deutschland bereits heute jeder Vierte leidet. Dies kann soweit gehen, dass das Immunsystem nachhaltig geschwächt wird. Leider werden diese Faktoren derzeit massiv unterschätzt.

          Wie kann man selbst gegen die Gefahr vorgehen? 

          Es gibt im Grunde zwei wichtige Ansatzpunkte, durch die jeder einzelne sich mental fit für die Krise machen kann: psychologische und physische Faktoren, die eng miteinander zusammenhängen. Bei der ersten Gruppe von Maßnahmen geht es darum, mental ein Gefühl der Kontrolle zurück zu erlangen. Dies kann durch das Pflegen oder Intensivieren sozialer Kontakte erreicht werden – in Coronazeiten halt eher digital statt persönlich außerhalb der Familie. Aktuell kann man sich auch besonders in der Gesellschaft einbringen, indem man Risikogruppen oder anderen Bedürftigen hilft, beispielsweise durch Einkaufen. Man kann Erfolgserlebnisse schaffen, zum Beispiel indem man neue Dinge macht oder lernt, die man schon lange machen wollte. Hierzu bieten zahlreiche oftmals kostenlose Onlinekurse und -tutorials gute Möglichkeiten. Dazu kommen noch physische Faktoren: Man muss in Bewegung bleiben, um das Herz-Kreislaufsystem und das Immunsystem auf Trab zu halten.

          Welche Folgen befürchten Sie, wenn die derzeitige Phase noch länger andauert?

          Je länger diese Phase andauert, desto größer wird die Gefahr, dass eine ganze Generation psychologisch traumatisiert wird. Es geschieht derzeit viel zu wenig, um den Menschen bewusst zu machen, wie wichtig es ist, sich mental nicht hängen zu lassen, weil sie vielleicht ihrer Arbeit und ihren Hobbys nicht richtig nachgehen können. In der öffentlichen Diskussion werden psychische Sekundärschäden leider stark unterschätzt und kaum bedacht.

          Liegt es auch daran, dass Boreout im Vergleich zu Burnout eher selten thematisiert wird?

          Unter normalen Umständen ist das ein absolutes Tabu-Thema. Die meisten Betroffenen tun meist so, als hätten sie Arbeit und vertuschen das Problem. In Befragungen unter Personalvorständen kommt Boreout so gut wie nie zur Sprache. Kein Unternehmen gibt gerne zu, die Stellen- und Qualifikationsprofile nicht vernünftig in Einklang gebracht zu haben. Aktuell müssen wir das Thema anpacken, andernfalls laufen wir in eine großflächige Boreout-Falle. Die Aufarbeitung der Folgeschäden wird uns Jahre kosten. Allerdings können auch Einzelne einiges tun, um es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.

          Hat die aktuelle Situation also in diesem Sinne auch etwas Positives?

          Im Grunde hat uns eine mögliche Zukunft früher eingeholt als wir dachten, wenn auch durch einen anderen Auslöser. Wir sollten jetzt die Chance nutzen und uns für ein Phänomen wappnen, von dem wir dachten, dass es erst in relativ weiter Zukunft zu einem großen Thema werden wird. Mit den genannten Maßnahmen kann man viel auffangen.

          Die TU Darmstadt führt eine Online-Studie zu den Auswirkungen der Corona-bedingten Einschränkungen für Arbeitnehmer durch. Die Teilnahme ist unter folgendem Link möglich: www.cofit4u.de.

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