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Neue Arbeitgeberpflicht : „Mehr Homeoffice – weniger Fälle“

Auf Socken am Küchentisch arbeiten – warum viele darauf keine Lust haben Bild: Sieber, Laila

Die Berater Christophe Campana und Eric Schott über die neue Arbeitgeberpflicht, Heimarbeit anzubieten und die Gründe, warum manche so zögerlich sind.

          3 Min.

          Von dieser Woche an müssen Unternehmen Mitarbeitern Homeoffice anbieten, wo immer möglich. Waren sie bislang noch zu zögerlich?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Christophe Campana: Manche können in dieser Pandemie vielleicht noch einen kleinen Schubs vertragen und diese Krise auch als Chance verstehen.

          Woran hapert es?

          Um erfolgreich Homeoffice umzusetzen, braucht es ein paar Voraussetzungen: eine Art organisatorische Resilienz. Jeder Mitarbeiter braucht Klarheit über seine Aufgaben und Zuständigkeiten und über die Ziele des Unternehmens. Und natürlich die technologischen Rahmenbedingungen, also Zugang zu allen Systemen. Und ein Führungsparadigma, das auf Vertrauen und Autonomie basiert.

          Und das fehlt häufiger mal?

          Eric Schott: Auf der einen Seite gibt es für mich die schlichte Gleichung: mehr Homeoffice – weniger Fallzahlen. Das einzusehen ist ganz stark eine Haltungssache. Auf der anderen Seite scheuen leider noch immer einige Vorgesetzte den Dialog mit ihren oft sehr unterschiedlichen Mitarbeitenden. Mein Vorschlag: Sie sollten konkret mit jedem Einzelnen besprechen: Ok, wie passt Homeoffice für dich, welche Tätigkeiten kannst du zu Hause machen? Wenn sich Führungskräfte darauf einlassen, stellen viele fest: Es gibt ganz überraschende positive Effekte.

          Welche denn?

          Wir haben bei unseren Kunden in der Pandemie häufig gesehen, dass die Barrieren sinken, auf Kolleginnen und Kollegen aus anderen Teams und anderen Ländern zuzugehen. Im Büro geht man einfach zur Nachbartür, aber nicht ins Ausland. Bei vielen unserer Kunden gab es jetzt auf einmal so eine Erkenntnis: Wow! Ich bin plötzlich mit Kollegen auf der ganzen Welt vernetzt, die kannte ich vorher gar nicht. Und das ist ziemlich einfach, man setzt nur ein Teams-Meeting auf! Natürlich hat aber auch das eine Kehrseite.

          Und zwar?

          Es ist vielleicht nicht jeder Führungskraft so geheuer, wenn auf einmal Mitarbeitende auf Augenhöhe irgendwelche Dinge absprechen, bei denen sie vielleicht als Führungskräfte lieber selbst die Hand drüber gehalten hätten.

          Eric Schott (links) und Christophe Campana
          Eric Schott (links) und Christophe Campana : Bild: Campana und Schott

          Ist es generell ein großer Einwand gegen das Homeoffice, dass manche Mitarbeiter nicht so vertrauenswürdig sind und heimlich faulenzen?

          Ein gewisses Kontrollbedürfnis mag im Einzelfall ja verständlich sein. Dann würde ich aber sagen, das lässt sich auch gut digital übertragen, zum Beispiel so: Jeden Tag um 9.30 Uhr schalten wir uns mit dem Team zusammen, dann sprechen wir durch, was wir uns für den Tag vornehmen. Und später trifft man sich noch ein zweites Mal online und schaut, ob das erreicht wurde. Meine Botschaft ist: „Kontrollen“ können bei Bedarf erhalten bleiben, man muss sie nur intelligent in die digitale Welt einbringen.

          Muss sich denn die Politik mit ihren Vorschriften nur an die Arbeitgeber wenden? Oder gehen viele Arbeitnehmer auch einfach gern ins Büro?

          Campana: Es ist nicht allein die Schuld der Unternehmen. Auch die Mitarbeitenden haben zum Teil ihre Vorbehalte. Wir alle leiden aktuell unter fehlenden Sozialkontakten, das ist ja menschlich. Es gibt Leute, die haben zu enge Wohnungen oder ein Lärmproblem zu Hause. Und manche Menschen brauchen einfach feste Strukturen in ihrem Alltag.

          Die Verordnung zur Homeoffice-Angebots-Pflicht ist in der vergangenen Woche noch einmal abgemildert worden. Nun will die Regierung keine eigens verschärften Kontrollen und Sanktionen mehr. Wie kontrollierbar wäre das Ganze denn überhaupt gewesen?

          Schott: Es hätte jedenfalls riesige Dokumentationspflichten und einen großen Verwaltungsaufwand bedeutet.

          Campana: Es wäre auch schwierig geworden, das zu kontrollieren. Die Leute sind recht kreativ darin, Gründe zu finden, warum Homeoffice nicht geht.

          Zum Beispiel?

          Zum Beispiel dieses vermeintliche Solidaritätsprinzip: Die Produktion muss vor Ort arbeiten, deshalb müssen die Büroangestellten auch vor Ort arbeiten. Aber nur weil bestimmte Berufsgruppen, zum Beispiel Kranführer, eine gefährliche Arbeit machen, muss man die Verwaltung nicht auch mit einem abschüssigen Balkon ohne Geländer ausstatten, damit die Risiken gleich verteilt sind. Wenn ein Unternehmen derzeit alle zur Präsenz anhält, dann gefährdet es doch Leute, die man nicht unbedingt auch gefährden muss!

          In welchen Betrieben hakt es besonders mit dem Homeoffice-Angebot?

          Schott: Je weiter sich ein Unternehmen schon auf der Reise in eine digitale Unternehmenskultur befindet, umso leichter tut es sich jetzt. Das zeigt auch unser Future Organization Report, den wir mit der Uni Sankt Gallen gemacht haben. Hier spielen flache Hierarchien, agiles Arbeiten und Vertrauenskultur eine wichtige Rolle.

          Kleinere Unternehmen hinken dabei hinterher, sagen Statistiken...

          Ja, bei kleinen Unternehmen haben häufig ein oder zwei Führungskräfte eine Vorbildfunktion. Wenn Führungskräfte Homeoffice predigen, selbst aber – weil sie zu Hause den Müll nicht runtertragen wollen – jeden Tag ins Büro gehen, dann strahlt das einfach aus. Bei großen Unternehmen mittelt sich das eher aus.

          Christophe Campana und Eric Schott sind Gründer und Inhaber der Strategie- und Technologieberatung Campana & Schott in Frankfurt.

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