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Coaching : Die beste Geschäftsidee liegt am Wegesrand

Kein Spaziergang: Mit dem Coach durch die Weinberge Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Wer sich coachen lassen will, hat die Auswahl zwischen verschiedenen Beratungsformen. Eine davon ist Wandercoaching. Ein Ortsbesuch zwischen Schloss Johannisberg und Schloss Vollrads im Rheingau.

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          Die Steine knirschen unter den Wanderstiefeln. Mit jedem Schritt schlägt das Herz ein wenig schneller, der Atem wird flacher. Der Weg in die Selbständigkeit ist kein Spaziergang, auch wenn der Titel des Beratungsangebots „Walking with Coach“ dies vermuten lässt. Die Wanderung, die Suzan Frohmann zum eigenen Unternehmen leiten soll, misst zirka sechs Kilometer. Sie führt die Existenzgründerin gemeinsam mit ihrem Mentor Hans Emge durch den Rheingau, an Weinbergen entlang vom Schloss Johannisberg zum Schloss Vollrads und wieder zurück.

          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Walking with Coach“ ist ein Angebot von „Route A66“, einem Gründernetzwerk der Fachhochschule Frankfurt am Main, der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Fachhochschule Wiesbaden. Der Verbund trainiert Gründer in Seminaren für ihre späteren Aufgaben. So wie Suzan Frohmann. Die 43 Jahre alte Frankfurterin nutzt zum ersten Mal die Beratung im Gehen. Mit passendem Schuhwerk und Rucksack samt Wegzehrung will sie den Pfad meistern. In ihrer letzten Position leitete Frohmann sechs Jahre lang das Marketing eines Pharmadienstleisters.

          „Ich bin eigentlich meine eigene Zielgruppe“

          Früher reiste sie beruflich viel, pendelte zwischen ihrem Arbeitsort und Frankfurt, wo ihr Mann lebte. Irgendwann reichte es ihr. Frohmann merkte, dass sie in Zukunft lieber für ihr eigenes Unternehmen arbeiten wollte. Über Gespräche mit Freundinnen kam sie auf ihre Geschäftsidee: Sie gründete ein Modelabel. Das Unternehmen will Wohlfühlkleidung für Frauen ab 40 jenseits von Leggins und schlabbrigem T-Shirt produzieren und vertreiben, mit der sie zu Hause bequem angezogen sind und trotzdem gut dabei aussehen: „Ich bin eigentlich meine eigene Zielgruppe“, sagt sie lachend.

          Hans Emge nimmt Jungunternehmerin Suzan Frohmann an die Hand
          Hans Emge nimmt Jungunternehmerin Suzan Frohmann an die Hand : Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

          Obwohl sie lange in verantwortungsvollen Positionen gearbeitet hatte und über ausreichend betriebswirtschaftliche Kenntnisse verfügte, merkte die Unternehmerin schnell, dass sie ohne die Perspektive von außen nicht weit kommen würde: „Ich bin froh, wenn mir jemand den Spiegel vorhält.“ Sie brauchte einen Coach, der ihre Ideen kritisch hinterfragt. Warum hat sie sich gerade für das „Wandercoaching“ entschieden? „Ich wandere privat sehr viel und merke immer, dass sich der Geist beim Laufen öffnet“, sagt Frohmann. „Dieses Raus aus dem sonst bekannten Kontext in einem Büro oder Sitzungsraum in der Natur weitet die Perspektive. Man wird kreativ, wenn man den richtigen Partner dabei hat.“

          „Wem müssen Sie etwas beweisen?“

          Mehrere Berater in Deutschland bieten das Coaching beim Wandern an. Der gelernte Betriebswirt und selbständige Unternehmensberater Hans Emge ist einer von ihnen. Er erweist sich als würdiger Sparringspartner, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Während beide nebeneinander marschieren, nimmt er seinen Schützling in die Mangel. „Und jetzt soll es ein bisschen angenehmer werden, ein bisschen bequemer?“, provoziert er. „Nein, jetzt soll es mehr Lust, mehr Sinn machen“, kontert Frohmann.

          Doch Emge lässt nicht locker: „Gründung, um sich selbst zu beweisen? Wem müssen Sie etwas beweisen?“ Frohmann entgegnet: „Nicht beweisen, aber einen Fußabdruck setzen. Vielleicht auch Arbeitsbedingungen schaffen, die meinen Bedürfnissen entsprechen.“ Es folgen weitere Fragen, die die Gründerin herausfordern sollen: Ist sie ein Unternehmertyp? Hat sie genügend Ahnung von der Textilbranche? Warum gründet sie nicht im Team? Hat sie ausreichend Verbündete? Sie schlägt sich gut und macht ihrem Mentor deutlich, wie ernst sie ihre Sache nimmt: „Ich habe auch Angst, das ist kein Hausfrauenhobby, das ich da betreibe.“

          Für Frohmann ist es nicht ganz neu, ihr Geschäftskonzept verteidigen zu müssen. Denn bevor mit einem Kandidaten gewandert wird, prüft ein Berater von „Route A66“ seine Idee eine Stunde lang auf Herz und Nieren, damit sich die Investition auch sicher lohnt. 333 Euro muss der Gründer für „Walking with Coach“ im Schnitt bezahlen. Dafür soll am Ende der Wanderung klar sein, ob das Konzept trägt und eine Gründung wirklich Aussicht auf Erfolg hat. „Wie schätzen Sie meine Chancen ein?“, fragt Frohmann. „Die Frage ist, ob Sie eine Langstreckenläuferin sind oder eine Kurzsprinterin. Was Sie vorhaben, das ist eine Langstrecke“, gibt Emge zurück.

          „Ich komme viel direkter an die Leute heran, auch körperlich“

          Wie sich jemand die Kräfte auf dieser Langstrecke einteilen kann, das sieht Hans Emge auch daran, wie er mit seinen Ressourcen auf dem gemeinsamen Wanderweg umgeht. „Während des Wanderns entsteht eine entspanntere Atmosphäre. Ich komme viel direkter an die Leute heran, auch körperlich, ich merke ihre Kurzatmigkeit“, sagt er. „Büroräume vergessen sie, aber was wir hier auf der Wanderung besprechen, bleibt hängen.“ Bis zu vier Stunden dauern die Touren, die Emge mit seinen Schützlingen zurücklegt, je nach Ziel- und Themensetzung. Zwar kann man während der Tour wenig aufschreiben, aber einen Nachteil sieht Emge darin nicht: „Wenn man auf die direkte Konfrontation Wert legt, ist es sehr praktisch, dass sich niemand hinter Flipcharts und Papier verstecken kann.“

          Über den Weinbergen nahe Schloss Vollrads erhebt sich ein Hügel, das Ziel der Wanderung. Auf ihm steht ein Kreuz. Der Anstieg wird steiler, der Marsch anstrengender. Mit dem schwarzen Lederrucksack auf dem Rücken bepackt, kommt Suzan Frohmann neben ihrem Mentor ein wenig ins Schwitzen. Doch sie erreichen den Gipfel und machen vor dem Kreuz halt, zu dessen Füßen ein Grabstein in den Boden eingelassen ist. Auf der Tafel eine Inschrift: „Zum Gedenken an Erwein Graf Matuschka Greiffenclau.“

          Der damals 58 Jahre alte Besitzer des renommierten, aber hoch verschuldeten Weinguts Schloss Vollrads erschoss sich im August 1997 nur 200 Meter von seinem Besitztum in den Weinbergen entfernt. Die Nassauische Sparkasse hatte am Tag vor seinem Tod den Konkurs beantragt. Das bei Oestrich-Winkel gelegene Weingut konnte seine Kredite nicht mehr bedienen. Doch der bekannte deutsche Winzer fürchtete sein Gesicht zu verlieren und weigerte sich, das Traditionsunternehmen an einen fremden Konzern zu veräußern. „Er hat zu sehr an seinem guten Ruf gehangen und zu wenig an der Realität, ein schönes Lehrstück für einen Unternehmer“, kommentiert Emge.

          Kaminwurst und Brezeln

          Kurzes Schweigen, Coach und Gründer setzen sich auf die Holzbank, die neben dem Kreuz steht und von der aus man über die Weinberge hinweg bis zum Rhein schauen kann. Zeit für eine Brotzeit. Für die Wanderung gibt es ein paar Regeln: Die Wanderer kehren nirgends ein, die Wegzehrung nehmen sie mit, es wird spartanisch gegessen. Suzan Frohmann hat das Essen mitgebracht. Es gibt Kaminwurst, Brezeln und Gemüsequiche aus dem Reformhaus, dazu Mineralwasser.

          Gestärkt treten die beiden den Rückweg an. Suzan Frohmann ist zufrieden. „Ich habe gemerkt, an welchen Stellen die Idee vielleicht noch nicht ganz rund ist und wo ich nachbessern muss“, zieht sie ihr Resümee. „Die Sachen, die mir vorher durch den Kopf gegangen sind, haben jetzt ihren Platz gefunden. Durch das Gehen findet alles eine neue Ordnung, so wie Steine in einem Gefäß, an dem man etwas rüttelt.“ Im nächsten Schritt muss Suzan Frohmann die Bank mit ihrem Businessplan davon überzeugen, ihr den nötigen Kredit zu bewilligen. Dabei wird Emge sie begleiten.

          Es beginnt zu regnen, sie waten durch matschige Pfützen. Am Rande des Feldweges hat sich noch jemand in Bewegung gesetzt. Eine Schnecke mit hellem Haus streckt die Fühler aus und kriecht langsam voran. Von dieser Ruhe und Gelassenheit könne sich mancher Unternehmer eine Scheibe abschneiden, sagt Emge überzeugt. Sie erreichen Schloss Johannisberg, den Ausgangspunkt ihrer Reise. Und doch sind sie gedanklich weit von dem Punkt entfernt, an dem sie vor zwei Stunden standen. Der Weg, den Mentor und Gründer zurückgelegt haben, sei auch der Weg, der den Unternehmer erwarte, sagt Emge: „Steinig, aber wunderschön.“

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