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Coaching : Die beste Geschäftsidee liegt am Wegesrand

„Ich komme viel direkter an die Leute heran, auch körperlich“

Wie sich jemand die Kräfte auf dieser Langstrecke einteilen kann, das sieht Hans Emge auch daran, wie er mit seinen Ressourcen auf dem gemeinsamen Wanderweg umgeht. „Während des Wanderns entsteht eine entspanntere Atmosphäre. Ich komme viel direkter an die Leute heran, auch körperlich, ich merke ihre Kurzatmigkeit“, sagt er. „Büroräume vergessen sie, aber was wir hier auf der Wanderung besprechen, bleibt hängen.“ Bis zu vier Stunden dauern die Touren, die Emge mit seinen Schützlingen zurücklegt, je nach Ziel- und Themensetzung. Zwar kann man während der Tour wenig aufschreiben, aber einen Nachteil sieht Emge darin nicht: „Wenn man auf die direkte Konfrontation Wert legt, ist es sehr praktisch, dass sich niemand hinter Flipcharts und Papier verstecken kann.“

Über den Weinbergen nahe Schloss Vollrads erhebt sich ein Hügel, das Ziel der Wanderung. Auf ihm steht ein Kreuz. Der Anstieg wird steiler, der Marsch anstrengender. Mit dem schwarzen Lederrucksack auf dem Rücken bepackt, kommt Suzan Frohmann neben ihrem Mentor ein wenig ins Schwitzen. Doch sie erreichen den Gipfel und machen vor dem Kreuz halt, zu dessen Füßen ein Grabstein in den Boden eingelassen ist. Auf der Tafel eine Inschrift: „Zum Gedenken an Erwein Graf Matuschka Greiffenclau.“

Der damals 58 Jahre alte Besitzer des renommierten, aber hoch verschuldeten Weinguts Schloss Vollrads erschoss sich im August 1997 nur 200 Meter von seinem Besitztum in den Weinbergen entfernt. Die Nassauische Sparkasse hatte am Tag vor seinem Tod den Konkurs beantragt. Das bei Oestrich-Winkel gelegene Weingut konnte seine Kredite nicht mehr bedienen. Doch der bekannte deutsche Winzer fürchtete sein Gesicht zu verlieren und weigerte sich, das Traditionsunternehmen an einen fremden Konzern zu veräußern. „Er hat zu sehr an seinem guten Ruf gehangen und zu wenig an der Realität, ein schönes Lehrstück für einen Unternehmer“, kommentiert Emge.

Kaminwurst und Brezeln

Kurzes Schweigen, Coach und Gründer setzen sich auf die Holzbank, die neben dem Kreuz steht und von der aus man über die Weinberge hinweg bis zum Rhein schauen kann. Zeit für eine Brotzeit. Für die Wanderung gibt es ein paar Regeln: Die Wanderer kehren nirgends ein, die Wegzehrung nehmen sie mit, es wird spartanisch gegessen. Suzan Frohmann hat das Essen mitgebracht. Es gibt Kaminwurst, Brezeln und Gemüsequiche aus dem Reformhaus, dazu Mineralwasser.

Gestärkt treten die beiden den Rückweg an. Suzan Frohmann ist zufrieden. „Ich habe gemerkt, an welchen Stellen die Idee vielleicht noch nicht ganz rund ist und wo ich nachbessern muss“, zieht sie ihr Resümee. „Die Sachen, die mir vorher durch den Kopf gegangen sind, haben jetzt ihren Platz gefunden. Durch das Gehen findet alles eine neue Ordnung, so wie Steine in einem Gefäß, an dem man etwas rüttelt.“ Im nächsten Schritt muss Suzan Frohmann die Bank mit ihrem Businessplan davon überzeugen, ihr den nötigen Kredit zu bewilligen. Dabei wird Emge sie begleiten.

Es beginnt zu regnen, sie waten durch matschige Pfützen. Am Rande des Feldweges hat sich noch jemand in Bewegung gesetzt. Eine Schnecke mit hellem Haus streckt die Fühler aus und kriecht langsam voran. Von dieser Ruhe und Gelassenheit könne sich mancher Unternehmer eine Scheibe abschneiden, sagt Emge überzeugt. Sie erreichen Schloss Johannisberg, den Ausgangspunkt ihrer Reise. Und doch sind sie gedanklich weit von dem Punkt entfernt, an dem sie vor zwei Stunden standen. Der Weg, den Mentor und Gründer zurückgelegt haben, sei auch der Weg, der den Unternehmer erwarte, sagt Emge: „Steinig, aber wunderschön.“

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