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Business-Kleidung : Früher war mehr Farbe

Betont locker: Wer passt nicht in diese Reihe? Bild: Jan Hauser

Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß. Ja gibt es denn nichts anderes mehr? Über die neue Uniform der Manager - und das längliche Anhängsel aus Stoff, das ihnen heute fehlt.

          3 Min.

          Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß. Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß. Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß. Aber da: Sakko in Beige - Hemd in Schwarz. Doch dann: Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß. Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß. Sakko in Anthrazit - Hemd in Weiß.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wir waren nicht auf dem „Deutschen Medienkongress 2016“ und können uns deshalb hier natürlich nicht kompetent äußern. Aber wenn man sich dieses Bild anschaut, dann bekommt man schnell den Eindruck: Man muss wahrscheinlich gar nicht auf dem „Deutschen Medienkongress 2016“ gewesen sein.

          Oder doch? Na, dann, liebe Teilnehmer auf dem Podium in der Alten Oper, bietet ihr das falsche Bild von der Kreativität, der Originalität, der Singularität des „Deutschen Medienkongresses 2016“.

          Schwarz oder Halbschwarz - sei's drum

          Vielleicht, das müssen wir zugeben, ist eines der Sakkos in Schwarz. So genau erkennt man das auf dem Foto nicht, und so genau wissen es auch Zeugen nicht mehr. Da wäre dann der Anthrazit-Vorwurf glatt gelogen. Das täte uns leid.

          Schwarz oder Halbschwarz - sei’s drum. Sogar der Zeitungsdruck ist inzwischen beim Farbdruck angelangt, sogar das Fernsehen hat heute Farbe, sogar die Natur draußen soll grün und bunt sein, wenn nicht gerade Winter herrscht und der „Deutsche Medienkongress 2016“.

          Warum also Anthrazit und Weiß? Wir kommen nicht drum herum, wir müssen zu Barbara Vinken greifen, einer Frau, die oft Schwarz trägt, aber eben auch Grün oder Rot oder Beige - und die trotzdem Professorin geworden ist, in München sogar, und die vieles von dem, was auf diesem Bild zu sehen ist, in ihrem Buch „Angezogen“ und in vielen Essays beschrieben hat. Nach der Französischen Revolution, so die Kurzfassung, musste der Mann auf alles verzichten, was ihn zum schöneren Geschlecht gemacht hatte: Samt, Seide, Blumen, Bänder, Federn, Farben, zu schweigen von Absätzen, Schleifchenschuhen, Spitze, Schmuck, Stickereien, Perücken, Schminke, Parfum und Puder. Auf dem Bild erkennt man also, so viel scheint klar, den nachrevolutionären Mann - der vermutlich gerade über Medienrevolutionen redet, womöglich sogar über die von morgen.

          „Koketterie galt zunehmend als lächerlich“

          Ihm ist, wie dem Bürger des 19. Jahrhunderts, alles Schmückende suspekt, aller Glanz, alle Äußerlichkeit: „Koketterie galt zunehmend als lächerlich“, schreibt Vinken. „Es wurde unelegant, sich um Eleganz zu bemühen. Dass er es nicht nötig hat, durch seine Kleider zu glänzen, und das anderen überlässt, denen sonst nichts bleibt, wird der Bürger zu demonstrieren nicht müde. Richtig angezogen zu sein heißt jetzt, in seinen Kleidern zum Ausdruck zu bringen, dass man Wichtigeres zu tun hat, als einen Gedanken darauf zu verschwenden, was man anhat.“

          Das überließ man lieber den Frauen, die sich einige Kleidungsstücke der vorrevolutionären Männer aus dem Ancien Régime aneigneten - und die daher sicherheitshalber auf diesem Podium gar nicht vertreten sind. Schade, denn sie könnten die Männer lehren, dass, wie Barbara Vinken schreibt, auch die Kunst des Kunstlosen gelernt sein will.

          Keine Angst, wir fordern nicht, dass die Höflinge der postmodernen Medienwirtschaft in trippelnden Ballettschrittchen aufs Podium eilen, untermalt vom „graziösen Gebimmel“ (Vinken) klimpernder Porzellan- oder Elfenbeinanhängsel. Nein, der aufgeklärte Bürger, erst recht in verantwortlicher Position, erst recht auf dem „Deutschen Medienkongress 2016“, soll gern mit breiten Beinen fest auf dem Boden des Grundgesetzes und mitten im Leben stehen.

          Anhängsel aus Seide

          Aber gab es da nicht mal diesen letzten Fetzen Schmuck für Männer? Dieses längliche bunte Dingsda, das vom Hals herabhing? Dieses überflüssige Anhängsel aus Seide, das Männer mal nutzten, um sich mit einer kleinen Erinnerung an höfische Zeiten zu schmücken? Ja, das gab es mal. Heute gibt es das nicht mehr - und zwar nicht nur nicht auf dem „Deutschen Medienkongress 2016“.

          Aber da besonders. Die Uniform hoch zwei, nämlich der Anzug ohne Krawatte, ist der letzte Versuch des Mannes, dem Weibischen zu entsagen. Paradoxerweise widerspricht der weiße (und anthrazitfarbene) Mann heute aber sogar dem Männlichen, denn dafür war der Schlips auch ein Symbol. Er entsagt also allem, bis zur Unkenntlichkeit, die alles kenntlich macht: zum Beispiel die Angst, anders zu sein.

          Der Mann mit dem beigefarbenen Sakko: Mit dem möchte man gerne mal einen Kaffee trinken gehen. Es muss ja nicht gleich ein Bier sein.

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