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Burnout : Es geht nicht mehr. Nichts geht mehr.

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Den endgültigen Knacks aber habe ich bekommen, als noch eine menschliche Enttäuschung dazukam. Meine Mutter wurde schwer krank und rief mich an. Eigentlich habe ich sie nie gekannt, denn unser Vater zog uns alleine groß. Plötzlich war sie da. Zwei Monate lang fuhr ich übers Wochenende zu ihr und pflegte sie. Viel von mir wissen wollte sie trotzdem nicht, kurz vor ihrem Tod brach sie den Kontakt ab. Ohne Kommentar, ohne Dank. Das konnte ich nicht fassen. So eine Zurückweisung habe ich noch nie erlebt. Danach war ich plötzlich nicht mehr in der Lage, irgendeine Entscheidung zu treffen - weder beruflich noch privat.

Ich wurde immer aggressiver

Ich saß oft nur noch da, jede Frage hat mich überfordert, Kollegen haben mich oft nur noch genervt. Ich war schnippisch und ungerecht ihnen gegenüber. Ich wurde immer aggressiver, auch meinen Freunden und Frauen gegenüber. Eine Frau hätte sogar wirklich eine Beziehung mit mir gewollt, sie mochte mich trotz allem. Aber ich habe mich verhalten wie ein Vollidiot und konnte nichts dagegen tun.

Irgendeine Form von Ausgleich brauchte ich, das spürte ich. Also habe ich Sport getrieben, aber nicht wie andere, sondern wie ein Verrückter. Ich ging morgens Joggen, abends Radeln, manchmal noch nachts ins Fitnessstudio. Bis zu dem Unfall, kurz bevor der Tag mit der Kaffeetasse kam. Zum Glück ist nicht viel passiert, nur ein Sturz mit dem Rad und ein paar Verstauchungen, aber danach kam der komplette körperliche Zusammenbruch. Und dann saß ich auf dem Balkon und fragte mich, warum es mich überhaupt noch gibt. Da wusste ich: Wenn du dir jetzt keine Hilfe holst, passiert etwas noch viel Schlimmeres.

Also ging ich zum Arzt. Der wies mich sofort in eine psychosomatische Klinik ein. Natürlich ist es komisch, wenn man in so eine Nervenklinik geht, von der man denkt, dort säßen nur Verrückte, die am Leben scheitern. Aber ich kann ja morgen wieder hier rausspazieren, tröstete ich mich. Zum Glück wusste ich da noch nicht, dass ich ein Dreivierteljahr dort bleiben würde. Schon nach ein paar Wochen habe ich mich fast geborgen gefühlt, und eigentlich war es das Beste, was mir passieren konnte: Ich war weg von allem anderen, zusammen mit Menschen, denen es genauso ging wie mir. Die sich leer fühlten, erschöpft und von der Welt verlassen. Wir mussten in den Therapiesitzungen nicht nur darüber reden, sondern ich wollte auch mit ihnen darüber sprechen. Schließlich hatten alle hier etwas Ähnliches erlebt wie ich.

Lernen, darauf zu achten, was der Körper sagt

Wir mussten alle wieder lernen, was Stillhalten heißt. Wir mussten lernen, darauf zu achten, was der Körper sagt. Und das Zuhören, wenn andere reden. Dabei habe ich mich selbst sagen hören, was mir wichtig ist und wann mir das Leben lebenswert erscheint. Wir haben alle viel geweint, und anfangs habe ich es zwar nicht geglaubt - es gibt immer noch viele Momente, in denen ich es nicht so richtig glaube -, aber: Ich weiß jetzt wieder, dass es schön ist, die Vögel singen zu hören. Wie schön es ist, Freizeit zu haben. Und wie gut es tut, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Es ist jetzt ein paar Jahre her, und manchmal fürchte ich, mein altes Leben holt mich wieder ein. Vor allem, wenn es stressig wird. Es ist wie bei einem Süchtigen, der Angst hat, rückfällig zu werden. Aber dann denke ich an die Zeit in der Klinik und übe, was man mir beigebracht hat: Nein zu sagen und zu entscheiden, was in diesem Moment wirklich wichtig ist.

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