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Büroschläfchen : Nur mal kurz eingenickt

Raum zum Ruhen: Viele Firmen bieten ihren Mitarbeiten Gelegenheit für ein Mittagsschläfchen. Bild: ullstein bild

Mittagsschläfchen helfen Arbeitnehmern, sich zu konzentrieren. Doch vielerorts gilt der Tagschlaf als peinlich. Verständlich, dass manche sich schwer tun, Angebote wie Schlafräume am Arbeitsort zu nutzen.

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          Als Thomas Diesner vor acht Jahren seine neue Stelle im Gelsenkirchener Service-Center des Installationsunternehmens Vaillant anfing, staunte er nicht schlecht: Sein Vorgesetzter nahm ihn mit zu einer Tour durch sämtliche Räumlichkeiten und präsentierte dabei unter anderem zwei Schlafzimmer. Darin je eine gepolsterte Liege, vor der Tür viele kleine Regalfächer, in denen die Kissen, Laken oder Handtücher der Kollegen lagerten. Etwa ein Fünftel der 75 Mitarbeiter des Großraumbüros hält täglich einen Mittagsschlaf. Weil im Schichtdienst gearbeitet wird und die Nickerchen nicht länger als 15 bis 20 Minuten dauern, sind dafür zwei Schlafplätze genug.

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Ein Mittagsschläfchen während des Arbeitstags steigere die Leistungsfähigkeit um rund 35 Prozent und verringere das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um etwa 30 Prozent, berichtet der Regensburger Psychologe und Schlafforscher Jürgen Zulley. Doch trotz solcher und ähnlicher schon lange bekannter Effekte bleibt der Büroschlaf in Deutschland ein Tabuthema. „Schlafen am Tag, das gilt hierzulande gemeinhin als peinlich, ja sogar ungehörig. Man assoziiert damit Faulenzer und Penner“, sagt Zulley. Die Konsequenz: „Studien zeigen, dass die Deutschen tagsüber die müdesten Menschen in Europa sind.“ Falls Mitarbeiter doch das Bedürfnis nach einer kurzen Auszeit nach dem Kantinengang verspürten, schlössen die meisten heimlich die Augen. „Im Einzelbüro die Arbeitshaltung zu bewahren und kurz einzunicken ist oft kein Problem“, sagt Zulley. „Davon merken nur die wenigsten Kollegen etwas.“ Schwieriger werde es im Großraumbüro. „Ich kannte mal einen, der parkte immer seinen Wohnwagen in der Nähe der Arbeitsstelle und zog sich mittags für ein halbes Stündchen dorthin zurück“, berichtet der Schlafforscher. Nicht wenige Unternehmen hätten sogar ähnliche Schlafräume wie Vaillant in Gelsenkirchen. „Doch oft bleiben sie ungenutzt, weil die Mitarbeiter sich schämen, sie aufzusuchen“, sagt Zulley. Dazu kommt: Kaum ein Arbeitgeber wagt es, sich in der Öffentlichkeit mit einer positiven Haltung zum Mittagsschläfchen zu brüsten. Denn was auf den ersten Blick nach guter PR in Sachen Mitarbeiterfreundlichkeit aussieht, kann schnell nach hinten losgehen.

          So war es in Vechta. Anfang des Jahres 2000 beschloss die dortige Stadtverwaltung, allen Mitarbeitern einen Büroschlaf im Anschluss an die Mittagspause zu erlauben. Zwar wurden keine Liegen angeschafft, doch sollten die Verwaltungsleute schlicht eine Matte neben ihrem Schreibtisch ausrollen. Mehr als die Hälfte aller Angestellten und Beamten nutzen das Angebot. Allein der positive PR-Effekt blieb aus. Im Gegenteil: Die Presse berichtete mit Häme; schlafende Beamte - das war ein gefundenes Fressen. „In der Amtsstube ein Nickerchen machen? In Vechta (Niedersachsen) ist das ausdrücklich erwünscht“, schrieb die „Bild“-Zeitung und pikierte sich darüber, dass das Schläfchen als Arbeitszeit gelte und der Stadtdirektor die Schlafmatten sogar „spendiert“ habe.

          Seither ist es wieder stiller geworden um das Thema „Powernapping“, nicht nur in Vechta. Auch im Unternehmen Vaillant heißen die Schlafzimmer diplomatisch „Silent Room“, Auskünfte dazu gibt es nur auf Nachfrage. Eine proaktive Außendarstellung praktiziere das Unternehmen nicht, wie sich die Pressestelle ausdrückt. Offizieller Grund: Das Schlafangebot besteht nicht in allen Niederlassungen, sondern lediglich in Gelsenkirchen.

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