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Büroschläfchen : Nur mal kurz eingenickt

Weniger Stresshormone im Körper

Dort allerdings werden die beiden Schlafzimmer durchaus rege genutzt: „An manchem Tag geben sich die Kollegen tatsächlich die Klinke in die Hand“, berichtet der Leiter des Service-Centers, Frank Johann. Kein Wunder: Die Tätigkeit der Angestellten ist extrem fordernd. Ähnlich wie in einem Call-Center hängen die Mitarbeiter den kompletten Tag am Telefon und stehen Installateuren und Kunden mit technischem Rat zur Seite. „Wenn im Winter viele Heizungen Probleme machen, laufen unsere Leitungen heiß“, sagt Johann. „Dann sind das oft 100 Telefonate, die ein einzelner Kollege täglich zu führen hat.“ Damit die Konzentration dabei nicht auf der Strecke bleibe und um Fehler zu vermeiden, habe man sich vor vielen Jahren entschlossen, die Ruheräume einzurichten. Am Anfang begleiteten Schlafforscher der Universität Wuppertal das Projekt. „Sie fanden heraus, dass Mitarbeiter, die ein Mittagsschläfchen hielten, deutlich weniger Stresshormon Cortisol im Körper hatten“, sagt Johann. „Die Nutzer des Ruheraums haben zudem darüber berichtet, dass sie sich hinterher wieder fitter und agiler fühlten.“

So geht es auch Thomas Diesner, der den Schlafraum im Durchschnitt dreimal je Woche aufsucht. „Anfangs musste ich es mir ein wenig antrainieren, nach dem Mittagessen dort hineinzugehen, die Augen zu schließen und einfach abzuschalten“, berichtet er. Es gelinge bei weitem nicht jedes Mal, sofort einzuschlafen, doch sei das auch nicht das Ziel. „20 Minuten einfach nichts zu tun, nichts zu sehen, nichts zu hören, weg zu sein von Kollegen und Telefonen - das genügt schon.“ Unter den Service-Center-Mitarbeitern sei der Mittagsschlaf so etabliert, dass niemand dafür schief angesehen werde. „Im Bekanntenkreis dagegen wird schon mal der ein oder andere Scherz gemacht“, sagt Diesner. „Das ist aber nie böse gemeint. Schließlich lässt man ja nicht einfach mittags den Kopf auf die Tastatur fallen.“

So abwegig wie Diesner glaubt, ist allerdings auch diese Praxis nicht: Der Chemiekonzern BASF etwa stellt zwar an verschiedenen Standorten Schlafräume für die Angestellten zur Verfügung. „Da es das aber nicht überall gibt, halten wir Kurse ab, um die Mitarbeiter zu befähigen, immer und überall kurz einschlafen zu können“, berichtet eine Sprecherin - auch im Großraumbüro. In den Kursen werde gelehrt, die Hände auf den Schreibtisch zu legen, den Kopf darauf zu betten und sieben bis zwölf Minuten „abzuschalten“. Ein längerer Schlaf werde den Arbeitnehmern nicht angeraten, um der Gefahr zu entgehen, in den Tiefschlaf zu fallen. Darauf, dass die Schläfchen kurz bleiben, achtet auch Vaillant. „Wir haben eine Nutzungsordnung für den Schlafraum mit zwei simplen Regeln“, sagt Frank Johann. „Es wird nur in der Mittagspause geschlafen und dann auch nicht länger als 30 Minuten.“ Für die Ruhezeit müssen sich die Mitarbeiter aus dem Zeiterfassungssystem ausstempeln.

Den Tiefschlaf mittags zu vermeiden - das hält auch Schlafforscher Jürgen Zulley für sehr wichtig. „Eine halbe Stunde ist die magische Grenze. Dauert das Nickerchen länger, beginnt eine andere Schlafphase, die dafür sorgt, dass es den Menschen schwerer fällt, wieder zu erwachen.“ Zwar seien auch längere Mittagsschläfe durchaus förderlich für die Gesundheit, mit einem normalen Büroalltag allerdings kaum zu vereinbaren.

„Klar, dass es eine natürliche Hemmschwelle gibt“

Sosehr Zulley dem Nickerchen während des Arbeitstages das Wort redet, vom öffentlichen Schreibtischschlaf à la BASF hält der Experte wenig. „Die meisten Arbeitnehmer fürchten sich davor, die Kontrolle zu verlieren, während Kollegen und Chefs dabei zuschauen“, sagt er. „Wenn nach dem Einschlafen der Mund offen steht, sieht das reichlich unintelligent aus. Klar, dass es da eine natürliche Hemmschwelle gibt.“

Er selbst sei bekennender Mittagsschläfer und wisse um die Schwierigkeiten, bei einem Arbeitgeber ohne Schlafraum beschäftigt zu sein. In seiner Zeit als Professor der Uni Regensburg habe er keine andere Wahl gehabt, als sein Nickerchen zurückgelehnt im Schreibtischstuhl zu verrichten. „Glücklicherweise hatte ich eine Sekretärin, die darauf achtete, dass die Tür geschlossen und das Telefon ruhig blieb.“

Wie schläfrig sind Sie tagsüber? Testen Sie sich selbst unter faz.net/mittagsschlaf

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