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Moderne Arbeitswelt : Was für ein Stress!

  • -Aktualisiert am

Packer, Paletten, Pakete: Amazon in Koblenz Bild: dpa

Früher haben wir viel mehr gearbeitet als heute, trotzdem fühlen wir uns ausgelaugt. Warum? Eine Spurensuche am Beispiel von Amazon, wo jeder Schritt der Mitarbeiter so genau überwacht wird wie kaum irgendwo anders.

          7 Min.

          Die Hektik des Lebens hat viel mit der Arbeit zu tun. Den Großteil unserer Zeit verbringen wir dort, auf dem Weg dorthin oder wieder zurück. Und oft finden wir, dass es zu viel Zeit ist, auch wenn das objektiv vielleicht gar nicht stimmt. Wenn Menschen gefragt werden, wie es ihnen geht, läuft es häufig auf die Antwort hinaus: „Viel zu tun.“

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Weil wir wissen möchten, warum das so ist, knöpfen wir uns Amazon vor. Nicht, weil die Arbeitsbedingungen dort besonders miserabel sind und sich die Menschen ständig überfordert und ausgebeutet vorkommen. Sondern weil es dort zugeht wie in vielen anderen Betrieben auch: kostenoptimiert und effizient. Nur hat Amazon das System zur Perfektion getrieben, deshalb ist der amerikanische Konzern so interessant.

          Wir fahren also zum „Amazon-Fullfillmentcenter“ nach Koblenz, dort werden alle Träume wahr, jedenfalls die der Kunden. Hier stoßen wir auf Norbert Faltin. Er ist Mitte fünfzig, hat kurze, braune Haare mit einer erstaunlich haltbaren Föhnwelle über der Stirn, fröhliche Augen und eine unkomplizierte, fast schon überschwängliche Art. Seine Statur ist kompakt, weil er Spätburgunder und Käseplatten liebt. Einer von 1900 Mitarbeitern ist er hier am Standort und so weit geschult, dass er universell einsetzbar ist, wahlweise als „Picker“ oder als „Packer“ - das sind die wichtigsten Funktionen in der gigantischen Lagerhalle.

          Ein Scanner namens Georgy

          Bei dieser Arbeit ist der treueste Begleiter ein kleiner schwarzer Handscanner, den Norbert nur liebevoll „Georgy“ nennt. Mit diesem Gerät scannt er die Strichcodes an den großen Paketen, die unablässig in der gigantischen Lagerhalle eintreffen. Er scannt die Strichcodes an den Waren, die in den Paketen liegen. Er scannt die Regale, in die er die Waren legt. Und nicht zuletzt scannt er sich selbst, über die Firmenkarte, die ihm um den Hals baumelt. Damit Amazon immer weiß, wann Norbert welches Paket in den Händen hält und wo er es hinlegt.

          „Georgy“ ist kein zufällig ausgewählter Kosename für ein ansonsten belangloses Gerät. Norbert hat ihn, wie er lachend berichtet, nach George Orwell benannt, dem Verfasser des düsteren Zukunftsromans „1984“, der berühmtesten Dystopie zur Komplettüberwachung. Das ist nur auf den ersten Blick ein Witz. Mit Georgy kommt Amazon dieser Komplettüberwachung ziemlich nahe.

          Dank Georgy weiß Amazon nicht nur, welche Pakete durch Norberts Hände gehen, sondern auch, wann er mal länger nichts tut. Dann wird Georgy unruhig und fängt an zu piepen, um die Chefs zu alarmieren. Die müssen wissen, wenn es hakt, vor allem technisch. Beschleunigung ist hier oberste Arbeitnehmerpflicht: „Work hard - have fun - make history“ ist die Unternehmensphilosophie. Das trifft nicht den Zeitgeist von Mitarbeitern wie Norbert. Er springt nicht mehr ganz so agil zwischen den Regalreihen umher wie seine zwanzig Jahre jüngeren Kollegen, die sich manchmal wahre Rennen liefern. Die sich einen Spaß daraus machen, sich gegenseitig zu übertrumpfen und neue Rekorde aufzustellen.

          Ein bisschen Amazon ist überall

          Da kriecht der Stress schon beim Zuhören den Rücken hinauf und setzt sich im Nacken fest, wo der Verspannungskopfschmerz seinen Ursprung hat. Denn ein bisschen Amazon ist inzwischen überall. „Beschleunigung“ ist zwar nicht das Wort, das die Arbeitgeber in den Mund nehmen, die kommt nur beim Mitarbeiter an. Chefs reden von „Effizienz“, „Synergien“ und „Produktivität“. Amazon ist nicht allein, viele Logistikunternehmen machen es genauso. Es gibt kaum mehr einen Lastwagenfahrer, dessen Unternehmen nicht genau wüsste, wo er mit seinem Lkw gerade ist. Und jeder Maschinenbauer weiß, wo sich ein bestimmtes Fertigungsteil im Herstellungsprozess befindet. So kann er auch die Leistung der Mitarbeiter genau kontrollieren.

          Auch Büromenschen sind vor Überwachung zur Effizienzsteigerung nicht gefeit: Wer sich in das Firmennetzwerk einloggt, hinterlässt Spuren darüber, wann er sich zwischendrin mal bei Facebook abgelenkt oder auf Ebay Einkäufe erledigt hat. Diensthandys liefern detaillierte Verbindungsdaten, und E-Mail-Programme verzeichnen minutiös, wann eine Nachricht eingetroffen, gelesen und schließlich beantwortet wird.

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