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Illustration: Katharina Hofbauer
Schneller Schlau

Ein „Corona-Jahrgang“ der Berufsausbildung?

Von BENJAMIN FISCHER, Grafiken: OLIVER SCHLÖMER · 5. Juli 2021

Die Pandemie hat Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt einbrechen lassen. Viele Probleme existierten aber schon vorher. 


Studium oder Ausbildung? Diese Frage müssen Jahr für Jahr Schulabsolventen für sich beantworten. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Menschen Abitur gemacht. Entsprechend hat die Universität im Vergleich enorm an Bedeutung gewonnen. Infolge der Pandemie brachen die Erstsemester-Zahlen dann ein – unter anderem, da viele ausländische Studieninteressierte passen mussten. Das war jedoch kaum etwas im Vergleich zu den Einbußen auf dem Ausbildungsmarkt: Erstmals seit der Deutschen Einheit sank die Anzahl neu geschlossener Ausbildungsverträge unter die Marke von 500 000. 

Fachleute betonen ob des Trends zur Uni gebetsmühlenartig, dass ein Studium nichts für jeden und eine duale Ausbildung keineswegs bloß zweite Wahl sei. Tatsächlich kommt es naturgemäß sehr auf die persönlichen Interessen, die Motivation und die jeweils individuelle Herangehensweise ans Lernen an sich an. Zudem bringt ein Uni-Abschluss zwar im Durchschnitt ein höheres Gehalt, doch dabei will auch die Branche und die Region mitberücksichtigt werden. Auch ist die Ausbildung keine Einbahnstraße, eine spätere Entscheidung für ein Studium ist möglich: Mit einer sogenannten fachbezogenen Studienberechtigung kann man nach Abschluss einer Ausbildung und drei Jahren im Beruf sogar ohne Fachhochschulreife studieren. 

Viele Ausbildungsstellen blieben dennoch schon vor der Krise unbesetzt. Das ist ein erhebliches Problem für die Betriebe, denen zunehmend Fachkräfte fehlen. Angesichts der Pandemie warnte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) jedoch kürzlich auch abermals davor, weniger Ausbildungsplätze anzubieten – sonst gäbe es einen „Corona-Jahrgang in der Ausbildung“.

Um gegenzusteuern wurde die im August 2020 eingeführte Ausbildungsprämie verdoppelt. Wer trotz Belastung durch die Pandemie weiter wie zuvor ausbildet und nicht mehr als 499 Beschäftigte hat, erhält nun 4000 Euro je Ausbildungsplatz. Für zusätzliche Stellen gibt es 6000 Euro. Diverse Ministerien, die Bundesagentur für Arbeit und Verbände wollen darüber hinaus mit einer breit angelegten Informationskampagne unter dem Titel „Sommer der Berufsbildung“ das Interesse an der Ausbildung befeuern. Die Initiative setzt auch bei der Berufsorientierung an – denn persönliche Beratung ist im Zuge der Krise ebenso schwieriger geworden wie das Reinschnuppern in Betrieben. Messen fielen ohnehin aus.

Etwas mehr als jeder vierte Jugendliche nutzt mittlerweile zur Berufsinformation die Sozialen Medien. Dort sind insbesondere Youtube und Instagram beliebt, wie eine aktuelle Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Auf Instagram versuchen sich so längst auch Handwerker aus verschiedenen Bereichen als Botschafter ihrer Zunft oder ihres Betriebes. 

Die Herausforderung, suchende Betriebe und unversorgte potentielle Auszubildende zusammenzubringen, ist freilich komplex. Es beginnt schon damit, dass in manchen Regionen die meisten Bewerber unterkommen und trotzdem eine erheblich größere Zahl an Stellen frei bleibt. Anderswo dagegen mangelt es eher an Angeboten, sodass die Betriebe zwar ihre Plätze erfolgreich besetzen, dafür aber viele Interessenten leer ausgehen. Mitunter kommt auch beides gleichzeitig vor.

Für dieses „Passungsproblem“ gibt es diverse Gründe: Unter den Suchenden kann schlicht das Interesse an einer Ausbildung in einem der verfügbaren Betriebe fehlen. Arbeitgeber wiederum können bestimmte Qualifikationen vermissen. Gerade in Flächenländern kann eine Anstellung auch an der Distanz zwischen Wohnort und Einsatzort scheitern.

Laut Bundesinstitut für Berufsbildung sind die Passungsprobleme seit einigen Jahren eine „zentrale Herausforderung auf dem Ausbildungsmarkt“. Im vergangenen Jahr sei es dem aktuellen Berufsbildungsbericht zufolge schlechter als „in den Vorjahren gelungen, das Angebot der Betriebe und die Ausbildungsnachfrage der Jugendlichen zusammenzuführen“. Der Bericht zeigt auch auf, in welchen Berufen der Anteil an unbesetzten Stellen in Relation zum betrieblichen Gesamtangebot besonders hoch ausfällt. 

Die Arbeit als Tierpfleger oder Kosmetiker reizt zum Beispiel offensichtlich mehr junge Menschen als Bedarf besteht. Bei Fleischern oder auch Klempnern sieht es wiederum genau umgekehrt aus. Die Unterschiede unterstreichen die Kernproblematik, Angebot und Nachfrage zusammenzuführen.

Dafür zeigt sich mit Blick auf die beliebtesten Ausbildungsberufe eine beachtliche Kontinuität. Die drei Spitzenplätze waren 2019 im Grunde genauso besetzt wie 2003. Deutlichster Unterschied ist, dass aus „Bürokaufmann/frau“ mittlerweile in der offiziellen Bezeichnung des Statistischen Bundesamts „Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement“ geworden ist. Allerdings haben sich die Tätigkeiten und Anforderungen freilich verändert, allein schon durch die Digitalisierung. Der Beruf des „Fachinformatikers“ tauchte 2003 in den Top 20 der Ausbildungsberufe noch nicht auf. 

Was die durchschnittliche Vergütung von Azubis angeht, zeigt sich mit Blick auf die Lage in West- und Ostdeutschland derweil eine grundsätzlich positive Entwicklung. Der Unterschied nimmt sukzessive ab.

Je nach Beruf variiert der Lohn jedoch weiterhin enorm. So verdiente ein Friseur-Azubi in einem westdeutschen Bundesland 2020 über die drei Jahre hinweg durchschnittlich 642 Euro im Monat. In Ostdeutschland waren es im Schnitt nur 410 Euro. In der Ausbildung zum Bankkaufmann belief sich der Unterschied dagegen nur auf fünf Euro – 1112 Euro im Westen standen 1107 im Osten gegenüber. Eine medizinische Fachangestellte in einem ostdeutschen Bundesland kam im Durchschnitt sogar auf zwei Euro mehr als eine Auszubildende im Westen (918 Euro im Vergleich zu 920 Euro).

Vergütung in beliebten Berufen
Durchschnittliche Ausbildungsvergütung pro Monat in West- und Ostdeutschland

Grafik: omer. / Quelle: BIBB/ Datenrecherche Matthias Janson (Statista)


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 05.07.2021 14:13 Uhr