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Bildungskooperation : Ingenieure nach Maß

  • -Aktualisiert am

Rumänische Karriere: direkt von der Uni zu Conti Bild: Archiv

Wie sichert sich ein Technikkonzern im Wettbewerb gute Ingenieure? Der Autozulieferer Continental investiert jetzt in Rumänien in Hochschulausbildung ganz nach eigenem Bedarf. Der deutsche Staat ist mit im Boot. Universität und Unternehmen profitieren davon.

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          Gerade erst hat das Continental-Werk in Sibiu (Hermannstadt) angekündigt, seine Produktionsfläche bis Mai verdoppeln zu wollen. Die Herstellung von Elektronikbauteilen für Airbags, Fensterheber oder Türverriegelungen für Volkswagen, Daimler oder Renault brummt - sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Mehr als 20 Millionen Euro haben die Hannoveraner hier investiert, erwirtschaften mehr als 49 Millionen Euro Umsatz. Seit Eröffnung des Standorts im Jahr 2004 sind 400 Arbeitsplätze im Werk entstanden, meist für angelernte Kräfte, dazu 240 qualifizierte Stellen in Forschung und Entwicklung. Doch ausgerechnet da sieht Conti ein Nadelöhr. "Für unser Entwicklungszentrum waren eigentlich 500 Ingenieure geplant", sagt Geschäftsbereichsleiter Hans Anton Elsen, "aber so viel gibt der lokale Arbeitsmarkt nicht her." Das soll anders werden. Conti steuert in eine neue Richtung.

          Mit der Lucian-Blaga-Universität (LBU) in Sibiu haben die Deutschen Ende Januar einen Kooperationsvertrag geschlossen. Der Konzern finanziert eine Stiftungsprofessur mit einem sechsstelligen Euro-Betrag, dazu Assistenten und Infrastruktur. So sollen sich vom kommenden akademischen Jahr an die Ingenieurwissenschaften mit Qualitätssicherung in der Autoindustrie befassen. "Applied Electronics" heißt das neue Angebot. Der Anwärter auf den Professorenposten, möglichst ein Rumäne, wird noch gesucht. Was schon feststeht: Forschung und Lehre sollen frei bleiben, das betont Personalvorstand Thomas Sattelberger immer wieder. "Dies ist keine feindliche Übernahme der Lucian-Blaga-Universität."

          Curriculum für die Kunden

          Constantin Oprean, Rektor der Hochschule, scheint ohnehin keinerlei Befürchtungen zu hegen: "Alles, was wir tun, ist, unser Angebot zu erweitern." Begeistert reagiert der Lehrstuhlinhaber Elektrotechnik, Professor Ioan P. Mihu, auf den Vertrag: "Wir arbeiten mit Conti zusammen, um das Curriculum auf unsere Kunden auszurichten, die Industrie", erzählt er voller Stolz. Seitdem die LBU freiwillige Kurse in den sogenannten "Conti-Labs" anbietet - Schulungslabors, die das Unternehmen mit Computern und Software ausgestattet hat -, sei die Zahl der erfolgreichen Bewerbungen seiner Absolventen um die Hälfte gestiegen, sagt Mihu. Praktika, Studien- und Diplomarbeiten, angewandte Wissenschaft: Mehr als 550 angehende Informatiker und Elektroingenieure haben in den vergangenen drei Jahren solche kundenorientierten Kurse belegt - und ihren Hochschulabschluss mit einem Zertifikat aufgewertet. "Conti bietet nicht automatisch einen Vertrag, aber es ist hier das Licht", schwärmt Mihu. Schon jetzt stammt fast die Hälfte der Conti-Ingenieure in Sibiu von der LBU. Es sind junge Leute: 75 Prozent der Belegschaft sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, gerade sechs Prozent sind älter als 40. Der Anteil an Frauen ist hoch, die Fluktuation gering. "Auf Jahre hinaus werden wir in Sibiu keine demographischen Probleme bekommen", freut sich Sattelberger. 30 bis 40 Master-Studenten erwartet er für den Anfang, 50 bis 60 Conti-Ingenieure sollen sich im Gegenzug an der LBU weiterbilden.

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