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Bildungs-Outsourcing : Zum Computerkurs ab nach Indien

Buntes Treiben: Karol Bagh ist ein typisch indisches Stadtviertel. Mancher Europäer fühlt sich hier erst einmal etwas reizüberflutet Bild: AFP

Erst wurde die Softwareentwicklung ausgelagert, dann kamen die Callcenter. Jetzt lassen sich IT-Fachleute aus Europa in Indien weiterbilden. Der Ruf der Trainer ist exzellent. An Schlaf und Komfort mangelt es dagegen.

          5 Min.

          Wenn Dominik Fritze und die anderen Kursteilnehmer morgens in den weißen Kleinbus steigen, der sie zum Unterricht bringen soll, lauern sie schon an der Ecke: die schwangere Frau im beigebraunen, fleckigen Sari, die Bettlerin, der die verfilzten Haare in alle Richtungen stehen. Und das kleine Mädchen mit den dünnen Beinen und den schmutzigen Händen, die es als Zeichen für seinen Hunger immer wieder an den Mund führt. „Chapati, Chapati“, rufen sie in einer Art Singsang. „Brot, Brot.“ Wenn die Gäste aus dem Ausland Pech haben, fassen die Bettler sie am Ärmel und zerren am Hemd, bevor sie hinter den verspiegelten Fenstern des Taxibusses verschwinden.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Der weiße Kleinbus bringt den 27 Jahre alten Softwareentwickler Dominik Fritze und seine Kurskollegen jeden Morgen vom Stadtteil Karol Bagh in der Mitte der indischen Hauptstadt Neu-Delhi in den etwa 15 Autominuten entfernten Stadtteil Moti Nagar, zum Trainingscenter der Firma „Koenig Solutions“. Eine Woche lang bekommt Fritze dort von 9 bis 17 Uhr Intensivunterricht von indischen Computerfachleuten. Die bringen ihm die Finessen des Programms „Windows Visual Studio 2010“ bei. Nachmittags fährt Fritze mit dem Kleinbus zurück ins Hotel und setzt sich direkt wieder an den Schreibtisch. Mindestens drei Stunden täglich übt er das Gelernte, liest nach, vertieft und fällt irgendwann todmüde ins Bett. „Schlafen kann ich aber nicht immer“, sagt er. Draußen hupen die Autorikschas, bellen die Hunde, drinnen rumpelt die Klimaanlage. „So richtig Ruhe findet man da nicht unbedingt.“

          Drill, Effizienz, schnelles Lernen in kurzer Zeit

          Nicht umsonst heißt das Computer-Trainingslager, das der junge Softwareentwickler besucht „IT-Bootcamp“. „Wir haben diese militärische Bezeichnung ganz bewusst gewählt“, sagt Rohit Aggarwal, der Vorstandsvorsitzende des Fortbildungsanbieters. „Das steht für den Drill, für das schnelle Lernen in kurzer Zeit, für Effizienz.“ Das Prinzip der Bootcamps: Der Anbieter fliegt europäische IT-Angestellte nach Indien, um sie dort in möglichst kurzer Zeit von indischen Computerfachleuten auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Unterkunft, Essen und Transport sind inklusive. Die hochspezialisierten Computerkurse enden mit international anerkannten Abschlüssen, zum Beispiel mit dem Microsoft Certified Systems Engineer (MCSE) oder dem Cisco Certified Network Associate (CCNA). Der Vorteil für die Schulungswilligen: Die outgesourcte Fortbildung kostet nur etwa die Hälfte eines vergleichbaren Kurses zu Hause.

          Schwierige Gegend: Direkt neben dem Hotel für die Trainingsgäste leben Wander-Bauarbeiter in einem notdürftigen Zelt

          Erst wurde die Softwareentwicklung nach Indien ausgelagert, dann kamen die Callcenter. „Die neueste Entwicklung ist nun, dass Ausländer selbst nach Indien reisen, um hier billige Dienstleistungen zu bekommen“, beschreibt Aggarwal sein Geschäftsmodell. Mit dem Computertraining sei es ähnlich wie mit dem Medizintourismus. „Seit Jahren nutzen Ausländer unsere hervorragenden Privatkliniken, um Eingriffe wie Herz-OPs oder Zahnbehandlungen machen zu lassen, die zu Hause zu teuer wären oder auf die sie jahrelang warten müssten“, sagt Aggarwal. „Warum sollten sie nicht hierherkommen, um IT-Fortbildungen in Anspruch zu nehmen?“

          „Wir sind die Versuchskaninchen“

          Der Bildungstourismus zum billigen Computer-Inder spielt bislang allerdings in den großen deutschen Unternehmen entweder noch gar keine Rolle - oder ist zumindest kein Thema, über das man gerne spricht. Zwar berichtet der Bootcamp-Anbieter Koenig Solutions darüber, Teilnehmer aus den IT-Abteilungen bekannter Konzerne bei sich registriert zu haben, etwa von Siemens, Adecco oder HP Deutschland. Die Unternehmen selbst allerdings bestätigen das nicht: „Wenn wirklich jemand von Siemens daran teilgenommen hat, dann war das wahrscheinlich privat oder schon sehr lange her“, teilt der Siemens-Konzern mit. „Unsere Schulungen laufen als virtuelle Fernkurse - da brauchen wir niemanden nach Indien zu schicken“, heißt es von HP Deutschland. Und die Zeitarbeitsfirma Adecco will sich mit Aussagen zu den Bootcamps gleich gar nicht zitiert wissen.

          Höchstens aus kleineren Unternehmen ist mehr über die indischen IT-Kurse zu erfahren. Dominik Fritze etwa arbeitet in Kamp-Lintfort am Niederrhein für den Katalog-Designer ITB. Zusammen mit einem Kollegen hat er selbst recherchiert, wo er die nötige Microsoft-Fortbildung am besten machen kann. „Wir haben auch Angebote in Frankfurt am Main gefunden, aber die waren doppelt so teuer und inhaltlich nicht unbedingt das, was wir wollten“, sagt Fritze. So hätten er und sein Kollege den Chef überredet, sie nach Indien zu schicken. „Wir sind die Versuchskaninchen“, sagt Fritze. „Wenn es bei uns gut läuft, kann sich das Unternehmen vorstellen, so etwas öfter zu machen.“

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