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Bildung in Südkorea : Pauken bis abends um zehn

Ein Misstrauensvotum gegen die staatlichen Schulen

Dass so viele südkoreanische Eltern glauben, Bildungserfolg ihrer Kinder nur mit Hilfe privater Lehrer zu erreichen, ist natürlich auch ein Misstrauensvotum gegen die staatlichen Schulen des Landes. Vor allem beim Fremdsprachenunterricht hapert es dort. Sookjung berichtet von Englischlehrern, die nicht richtig Englisch konnten. Appelle des Staatspräsidenten Lee Myung-bak, in den Schulen des Landes „Englisch auf Englisch“ zu lehren, werden nicht nur von vielen Englischlehrern abgelehnt. Kritiker warfen dem Präsidenten vor, seine Forderung sei schlimmer als das, was „die japanischen Imperialisten“ Korea während der Besatzungszeit mit ihrer brutalen Japanisierungspolitik angetan hätten. Unterrichtssprache müsse Koreanisch bleiben - eine Forderung, die den vielen privaten Englischschulen das Überleben sichert, denn die prestigeträchtigen Eliteuniversitäten erwarten eben auch in Korea mehr von ihren Bewerbern.

Jeong A-song hat zwei Kinder. 14 Stunden Privatunterricht finanziert sie für die beiden neben der Schule, eine Million Won (635 Euro) lässt sie sich das kosten. „Ich glaube nicht, dass diese private Zusatzausbildung ein Muss ist“, sagt sie. Aber die staatlichen Bildungseinrichtungen versagten, böten den jungen Menschen nicht die Möglichkeit, selbstbewusst in die Aufnahmeprüfungen der Eliteschulen zu gehen. „Ich habe mich deshalb entschieden, meinen Kindern private Stunden für das zu finanzieren, was das staatliche Bildungssystem nicht leistet.“

Sie findet sich damit in einer großen Gemeinschaft, denn fast alle Eltern denken heutzutage so. Jeong Ji young zum Beispiel, 45 Jahre alt und Mutter zweier Töchter. 800.000 Won (511 Euro) lässt sie sich die jeweils zehn Zusatzstunden ihrer Töchter kosten. Und die Kleinen kommen, wie die neunjährige Min dann manchmal eben erst nach zehn Uhr zurück nach Hause.

Bildung ist stark von der sozialen Position der Eltern abhängig

Die große Bedeutung von Privatschulen für den Bildungserfolg führt dazu, dass Bildung in Südkorea bis heute stark von der sozialen Position der Eltern abhängig ist. Je besser die Bildung, je teurer die Schulen, desto leichter der Weg nach oben. „Wenn man realistisch ist, muss man sehen, dass es einen Leistungsunterschied zwischen den Schülern gibt, die private Zusatzstunden nehmen, und denen, die das nicht tun“, sagt Jeong Ji-young. Der private Sektor fülle nur das aus, wo das staatliche Schulsystem versage.

Südkorea gibt nach Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 6,8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, mehr als jedes andere OECD-Mitgliedsland. Doch die öffentlichen Ausgaben liegen deutlich unter den 4,1 Prozent, die im OECD-Durchschnitt aufgewendet werden. Allein diese Zahlen zeigen, welchen hohen Stellenwert der zusätzliche private Bildungsmarkt für Kinder und Jugendliche in Südkorea hat. Sie zeigen auch, dass diese zusätzliche private Bildung in Korea nicht nur das Privileg einer kleinen Oberschicht ist, sondern ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft erfasst hat.

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