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Bewertungsportale für Arbeitgeber : „Führungsstil: autoritär, Entlassungen: häufig“

Zwei Sterne für den Arbeitsplatz: So können Mitarbeiter beim Portal „Jobvoting” ihr Urteil abgeben Bild: Jobvoting.de

Im Internet können nicht nur Hotels oder Restaurants bewertet werden, sondern auch Chefs und Unternehmen. Doch die Kommentare sind mit Vorsicht zu genießen.

          3 Min.

          Wer auf viel Arbeit und Stress für wenig Geld und keine Anerkennung steht, der ist hier genau richtig! Folgeerscheinungen wie Krankheiten mit inbegriffen.“ So lautet das vernichtende Urteil eines Kundendienstmitarbeiters eines Bekleidungsunternehmens mit 500 Beschäftigten in Bayern. „Führungsstil: autoritär, Entlassungen: häufig, Mitarbeitergespräche: unbrauchbar“, so geht die Kritik weiter. Ins Internet gestellt hat sie ein anonymer Angestellter; zu lesen ist sie auf der Plattform „Jobvoting.de“.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Ähnlich wie auf den Konkurrenzportalen Kununu.com, Arbeitgebertest.de, Kelzen.com oder MeinChef.de können dort Mitarbeiter ihre Unternehmen, die Vorgesetzten und die Stimmung im Team bewerten. Sie können sich dazu äußern, wie zufrieden sie mit ihrem Gehalt und ihren Arbeitszeiten sind oder wie gut ihr Job mit dem Familienleben vereinbar ist. Das Ganze läuft ähnlich ab wie bei Online-Hotelbewertungen oder Restaurantkritiken. Internetnutzer vergeben Punkte, Sterne oder Noten, äußern sich zu bestimmten Fragen wie Spaßfaktor im Betrieb, Überstunden oder Stress und bekommen zum Schluss die Gelegenheit zu ausführlicheren verbalen Kommentaren. Wer mit dem Gedanken spielt, sich in dem entsprechenden Unternehmen zu bewerben, findet auf den Plattformen idealerweise Informationen, die über die harten Fakten im Arbeitsvertrag hinausgehen.

          Statistisch kaum aussagefähig

          Allerdings: „Die Anzahl der Bewertungen, die zu den einzelnen Arbeitgebern eingestellt sind, ist in den allermeisten Fällen nur sehr gering“, kritisiert der Bewerbungscoach Heiko Lüdemann, der sich seit Jahren mit Arbeitgeberkritiken im Internet befasst und derzeit ein eigenes Bewertungsportal für einen Arbeitgeberverband entwickelt. „Von 100 Leuten, die auf den Plattformen Kommentare lesen, schreibt vielleicht einer selbst eine Bewertung - wenn überhaupt.“ In der Tat finden sich beim Marktführer Kununu zwar beeindruckende 117.441 Einzelbewertungen. Bedenkt man aber, dass dort insgesamt 49.953 Unternehmen präsent sind, kommt jedes davon im Durchschnitt auf gerade mal 2,35 Bewertungen. Großkonzerne können zwar in der Regel mit etwas höheren Zahlen aufwarten. Dennoch: Der Energiekonzern RWE mit mehr als 70.000 Mitarbeitern hat gerade mal 31 Bewertungen; Volkswagen (370.000) kommt auf 20 und Siemens (405.000) auf 171 Einträge.

          „Eine verlässliche Grundlage sind solche Zahlen selbstverständlich nicht“, sagt der Personalfachmann der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Alexander Böhne. Häufig äußerten sich auf den Plattformen zudem vor allem diejenigen Mitarbeiter, die unzufrieden mit ihrem Unternehmen seien. „Wir kennen das von Hotelbewertungen, Leserbriefen oder Kundenbeschwerden: Wer etwas zu kritisieren hat, wird eher aktiv.“ Außerdem bestehe die Gefahr, dass sich Mitarbeiter im Internet dafür rächen, dass sie vom Chef gerügt wurden oder sich aus irgendwelchen anderen Gründen ungerecht behandelt fühlen.

          Die Nutzer lesen mit „Filter im Kopf“

          Allerdings ist Böhne der Meinung, dass Internetnutzer die Kommentare auf den Plattformen durchaus bereits mit einem „Filter im Kopf“ lesen. „Wer den Umgang mit Online-Bewertungen gewohnt ist, weiß in der Regel zu unterscheiden, wann da ein notorischer Negativschreiber am Werk ist und wann ein Eintrag seriös klingt. Außerdem sind die Online-Plattformen für Bewerber nur ein Informationskanal unter vielen.“ Die meisten Bewerber recherchierten zusätzlich auf den Internetseiten der Unternehmen selbst und stellten kritische Fragen im Bewerbungsgespräch.

          Umgekehrt bestehe natürlich auch die Gefahr, dass der Chef selbst anonym am Rechner Platz nimmt und Lobeshymnen über sich und seine Firma verbreitet, gibt der Coach Heiko Lüdemann zu bedenken. „Ratsam ist das freilich nicht“, sagt er. Ein abschreckendes Beispiel sei der Fall des früheren WeTab-Chefs Helmut Hoffer von Ankershoffen. Der hatte unter falschen Namen euphorische Besprechungen seines Tablet-PCs auf Amazon geschrieben, was aber aufflog und ihn letzten Endes seinen Job kostete. „Mit den Arbeitgeberbewertungen ist es ganz ähnlich“, sagt Lüdemann. „Keiner kann ein Interesse daran haben, seinen Betrieb in den Himmel zu loben und hinterher nichts davon einhalten zu können.“

          Sich gegen unfaire Einträge zu wehren ist schwer

          Damit die Bewertungsplattformen nicht zu „reinen Frustrationportalen“ werden und um Chefs wie Teams die Möglichkeit zu geben, sich gegen Vorwürfe zu wehren, empfiehlt Lüdemann, die Plattformen mit mehr Möglichkeiten zum interaktiven Austausch zu versehen. „Das wäre eigentlich eine Riesenchance, mehr Transparenz zu schaffen“, sagt er. „In der Anonymität geht vieles völlig unter.“ Der Coach geht zwar nicht so weit zu fordern, dass Angestellte mit ihrem Klarnamen öffentlich Kritik an Chefs oder Unternehmen äußern sollen. „Aber das Ganze könnte innerhalb von klar definierten Gruppen geschehen - ähnlich wie unter Facebookfreunden“, schlägt er vor. „Jeder bestimmt selbst, wer im Netz wie viel sehen darf.“

          Da bislang noch keine der gängigen Plattformen viel Raum für Interaktion bietet, ist sich Alexander Böhne von der BDA durchaus unsicher, ob die Portale für die Arbeitgeber in summa eher Vor- oder Nachteile bedeuten. Kleinere und mittlere Unternehmen, die womöglich weniger Erfahrung mit Mitarbeiterwerbung über Facebook oder Twitter hätten, müssten zuweilen noch lernen, mit diesem neuen Medium umzugehen, glaubt Böhne. Viele seien aber schon auf einem guten Weg. „Allerdings gibt es häufig keine Möglichkeiten, sich gegen unfaire Einträge zu wehren.“ Für Unternehmen, die im Recruiting sowieso schon stark auf das Web 2.0 setzten, seien Portale wie Kununu oder Jobvoting sogar oft ein Vorteil. „Große Unternehmen erhalten in der Regel mehr Kommentare; daraus ergibt sich ein differenzierteres Bild“, sagt Böhne. Außerdem bieten viele Bewertungsseiten Platz für kleine Unternehmensporträts, Fotos oder Videos aus dem Unternehmensalltag. „In Zeiten des Fachkräftemangels sind das auch weitere Kanäle, um auf sich aufmerksam zu machen.“

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