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Bewerbungstraining : „Würden Sie diese finstere Fratze einstellen?“

  • -Aktualisiert am

Bitte Lächeln: Im Vorstellungsgespräch sollte der Bewerber freundlich dreinblicken Bild: Marcus Kaufhold

Die meisten Menschen sind sich ihrer Wirkung auf andere kaum bewußt. Worauf es im Vorstellungsgespräch ankommt, lehrt der ehemalige Personalleiter Oscar Winzen als Bewerbungscoach.

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          „Schauen Sie mal so ernst, wie Sie können!“ Bei der Klientin sacken die Mundwinkel nach unten, die Augen verengen sich zu einem schmalen Schlitz, ihr Blick fixiert einen imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand. „Gut so“, ruft Oscar Winzen und richtet seine Videokamera auf das düstere Antlitz. „So, und jetzt strahlen Sie!“ Die Mundwinkel schnellen nach oben, an den Wangen bilden sich Grübchen. „Ganz prima“, lobt Winzen. Oscar Winzen ist Betriebswirt, war lange Personalleiter und arbeitet seit zehn Jahren als Bewerbungscoach.

          Wer individuell beraten und trainiert werden will, den empfängt er in seiner Büroetage in Wehrheim im Taunus unweit von Frankfurt. „Meine Kunden beim Einzelcoaching sind vor allem Führungskräfte des mittleren und oberen Managements, die sich beruflich neu orientieren wollen.“ Aber auch Gruppenseminare, die einen Teil des Gruppen-Outplacements darstellen, bieten der Fünfzigjährige und sein Team an. Zum Beispiel für große Unternehmen, die ganze Abteilungen schließen, aber daran interessiert sind, daß ihre ehemaligen Mitarbeiter andernorts eine gute Stelle finden.

          „Würden Sie einen solchen Bewerber einstellen?“

          „Dann wollen wir uns das Ergebnis der Aufnahmen mal ansehen“, sagt Winzen und verkabelt die Videokamera mit dem Computer. Auf dem Bildschirm erscheint eine finstere Fratze. „Würden Sie einen solchen Bewerber einstellen?“ Auf gar keinen Fall, schießt es der Reporterin durch den Kopf. Dann blendet er das andere Gesicht ein. Strahlend und lebensfroh. „Die meisten Menschen sind sich ihrer Wirkung auf andere gar nicht bewußt.“ Dabei sei der erste Eindruck ganz wichtig. „Eine freundliche Miene machen“, schärft Winzen ein. Selbst wenn der Personalchef noch so grimmig dreinblickt.

          Außerdem solle der Kandidat die schlechte Stimmung des Gegenübers nicht persönlich nehmen. „Vielleicht hatte der Personalchef Ärger mit seinen Kindern. Es hat jedenfalls nichts mit Ihnen zu tun, denn er kennt Sie ja noch gar nicht.“ Sich während des Bewerbungsgesprächs über die schlechte Laune des Chefs Gedanken zu machen sei überflüssig. Vielmehr solle der Bewerber mit seinem eigenen Verhalten dazu beitragen, daß sich sein Gegenüber wohl fühlt. Und dazu gehört auch, daß er es begrüßt, mit korrektem Namen anspricht und sich für die Einladung zum Vorstellungsgespräch bedankt. Und beim Händedruck schön Blickkontakt halten.

          Begrüßungsszene mit fiktivem Personalchef üben

          „Und was machen Sie, wenn der Chef Ihnen was zum Trinken anbietet?“ fragt Winzen. Höflich ablehnen oder annehmen? Die Befragte überlegt und entscheidet sich dafür, das Angebot anzunehmen. „Völlig richtig“, lobt Winzen. „Auf gar keinen Fall ablehnen. Denn der Personalchef könnte diese Ablehnung zumindest unterbewußt auf sich beziehen.“

          In der Theorie klingt das alles ganz einfach. In der Bewerbungssituation aber, wenn der Puls rast und der Adrenalinspiegel nach oben schnellt, ist das Ganze schwieriger. Also wird die Begrüßungsszene so lange geübt, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen ist. Eine schweißtreibende Angelegenheit bei hochsommerlichen Temperaturen, zumal der fiktive Personalchef auch noch den Zungenbrechernamen Bartoschewitz hat.

          Der Coach tastet sich an das Wesentliche heran

          „Und jetzt erzählen Sie mir mal ein bißchen über Ihren beruflichen Werdegang“, sagt Winzen, ganz Personalchef, und schaltet seine Videokamera wieder ein. „Also ich wurde in Frankfurt geboren, ging dort auch auf die Grundschule, dann aufs Gymnasium ...“ Die Angesprochene referiert ihren Lebenslauf, ihre Hände ruhen auf dem Tisch. Winzen starrt abwechselnd an die Decke und dann wieder auf die Uhr. Nach fünf Minuten endet die Vortragende mit dem Satz: „Und vor zwei Monaten bin ich dann entlassen worden.“

          „Hm, dann wollen wir uns das Ganze mal am Computer anschauen“, sagt Winzen. Für den Außenstehenden wirkt der Vortrag schlaff und dröge. Den Lebenslauf hätte man auch selbst lesen können. Das wäre schneller gegangen. Spätestens nach einer Minute hat man abgeschaltet. So direkt sagt das der Coach natürlich nicht. Über Fragen wie „Was könnte man noch besser machen?“ oder „Wie fanden Sie sich?“ tastet er sich an das Wesentliche heran und gibt Tips.

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