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Bewerbungsstrategie : Auffallen um jeden Preis?

  • -Aktualisiert am

Eine kreative Bewerbung... Bild: F.A.Z. - Dieter Rüchel

Um sich aus der Masse abzuheben, greift mancher Bewerber zu höchst kreativen Formen, schickt Foto- und Poesiealben ein. Doch der Inhalt schlägt noch immer die Form. Das gilt erst recht im Zeitalter der Internet-Bewerbungen.

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          Als Georg Johann Bachmaier die Bewerbung öffnete, erblickte er zuerst ein leeres Blatt Papier, in dem ein Brandloch prangte. Die Botschaft an den Leiter Personalrekrutierung Deutschland bei der Deutschen Bank lautete: Hier steckt etwas Brandheißes drin, schnell öffnen, das Feuer löschen und den Bewerber einstellen. "Ausgefallene Bewerbungen behandeln wir nicht anders, aber natürlich sind sie unter den Kollegen ein besonderer Blickfang", erzählt Bachmaier. "Im Endeffekt tut sich der Absender mit einer solchen Bewerbung allerdings keinen großen Gefallen, denn es kostet Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, und entscheidend ist das Profil des Bewerbers."

          Kein Wunder: Bei mehr als 100.000 Bewerbungen im Jahr wie zum Beispiel bei der Deutschen Bank bleibt nicht viel Zeit, um jeden Kandidaten zu beurteilen. Im Schnitt benötigen erfahrene Personaler etwa drei Minuten je Bewerbung, "um sie in A, B oder C zu kategorisieren", erläutert Sörge Drosten, Partner bei der Managementberatung Kienbaum. "Danach schaue ich mir die interessanten A-Bewerbungen noch einmal fünf bis zehn Minuten intensiver an, um mir ein Bild vom Bewerber zu machen."

          Die ersten Reizsignale

          Aber wer die ersten Reizsignale wie Noten, Berufserfahrung und derzeitige Position nicht bestmöglich bieten kann, muss sich überlegen, wie er als Bewerber doch noch Interesse weckt. Kreative Bewerbungen erzeugen durchaus Aufmerksamkeit, aber nur durch eine außergewöhnliche Aufmachung lässt sich kaum ein Job ergattern. Wer mit seiner Bewerbung mehr Zeit beansprucht, sollte auch inhaltlich wirklich etwas zu bieten haben. Personalchefs mögen zudem klar strukturierte, übersichtliche Bewerbungen.

          ...brachte Daniel Hanke zu seinem neuen Arbeitgeber, einer PR-Agentur.
          ...brachte Daniel Hanke zu seinem neuen Arbeitgeber, einer PR-Agentur. : Bild: F.A.Z. - Dieter Rüchel

          "Ich finde es furchtbar, wenn ich bei einer Bewerbung erst einmal gar nicht weiß, wer sich überhaupt bewirbt und für welche Position", berichtet Carola Romanus, Leiterin Kundenberatung bei der Agentur Ogilvy & Mather. "Das verstehe ich nicht unter einer kreativen Bewerbung." Pseudokreative Bewerbungen, die um jeden Preis auffallen wollen, seien für sie eher eine Plage. Die Agentur erhalte häufig außergewöhnliche Bewerbungen: "Anscheinend haben viele Leute das Gefühl, in einer Werbeagentur müsse man sich besonders kreativ bewerben", sagt sie. Das reiche von Puzzles über schreiend bunt gestaltete Cover, Tagebücher, Fotoreportagen bis hin zu ungewöhnlichen Verpackungen. Besonders beeindruckt ist Romanus jedoch, wenn der Bewerber es schafft, schon mit seinem Anschreiben zu fesseln. Das habe für sie viel mit Kreativität zu tun. Aus der Vielzahl der Bewerbungen herauszustechen habe nichts mit der Form zu tun. Es sei wichtig, wie viel Mühe sich jemand mit seiner Bewerbung mache und wie gut er sich verkaufe.

          Als Beigabe ein eingepacktes Stück Fleisch

          Natürlich fällt eine Bewerbung auf, die als Beigabe ein eingepacktes Stück Fleisch enthält, gemäß dem Motto "Sie suchen Frischfleisch". Aber hat eine solche Strategie auch Erfolg? "Bei dieser Bewerbung war ich hin- und hergerissen", berichtet Drosten. "Das war zwar interessant, aber zugleich fragte ich mich leicht irritiert: Ist das wirklich noch frisch?" Als Berater möchte er einen schnellen Überblick über die harten Fakten, das dürfe nicht verlorengehen. Eine Bewerbung etwas aufzupeppen und für ein wenig Unterhaltung zu sorgen, dagegen hat Drosten nichts einzuwenden. "Aber mit einer solchen Bewerbung befindet man sich im Grenzbereich, es kann auch schnell ins Negative umkippen, wenn es zu übertrieben, zu selbstdarstellerisch ist", betont der Kienbaum-Berater.

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