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Arbeitgebermarke : Kein Zutritt für Bewerber

  • -Aktualisiert am

Wie das aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus Frankfurt. Im 49. Stock eines Bürogebäudes treffen sich rund 100 Mitarbeiter aus Personalabteilungen. Es geht um die „Candidate Experience“ von Bewerbern. Dieser Ansatz aus Amerika rückt die Bewerber in den Mittelpunkt und soll ihnen – trotz Absage – ein wertschätzendes Gefühl vermitteln. Er beschreibt zunächst, wie ein Bewerber den Bewerbungsprozess erlebt. Empfindet er ihn als positiv, hat er eine gute „Candidate Experience“ gemacht. Als positiv wird wahrgenommen, wenn der Bewerber etwa über jeden Schritt des Bewerbungsprozesses Bescheid weiß, wenn er das Gefühl hat, dass ein Vorstellungsgespräch auf Augenhöhe geführt oder Verzögerungen bei Zu- beziehungsweise Absagen transparent kommuniziert werden. Außerdem sollte der gesamte Bewerbungsprozess – vom ersten Kontakt bis zum Verkünden des Ergebnisses – nicht länger als sechs Wochen dauern. Das spare den Unternehmen Kosten, wie Wolfgang Brickwedde, Direktor am Institute for Competitive Recruiting, in Frankfurt betont. Er nennt das Beispiel eines britischen Telekommunikations-Unternehmens, das jährlich 4,4 Millionen Euro verlor, weil verärgerte Bewerber, denen abgesagt wurde, ihre Telefonverträge kündigten. Das Unternehmen änderte daraufhin seine Absagekultur, um so das Geld einzusparen.

Der Candidate-Experience-Ansatz sei in Deutschland zwar bekannt, aber noch nicht etabliert, findet der Karriere-Coach Bernd Slaghuis: „Ich sehe, dass das Bewusstsein zunehmend vorhanden ist, doch es ist in der Praxis noch nicht in der Breite angekommen.“ Die Studie von Athanas und Wald bestätigt diesen Eindruck: Nur 17 Prozent der befragten Stellensuchenden hätten bemerkt, dass sich Unternehmen Mühe gäben, ihre Bedürfnisse als Bewerber zu verstehen und zu respektieren.

Richtig absagen

Marcel Rütten ist Personalmanager der Kindernothilfe und bemüht sich seit fünf Jahren um eine gute Bewerbungskultur. Obwohl bei ihm nicht gerade ein Fachkräftemangel herrscht – auf jede ausgeschriebene Stelle kommen meist mehr als 100 Bewerbungen. Trotzdem achtet der Personaler auf einen wertschätzenden Bewerbungsprozess. Mit den Kandidaten werde permanent kommuniziert, jeder solle zu jedem Zeitpunkt wissen, an welchem Punkt sich seine Bewerbung befinde. Dafür hat jeder Bewerber einen Ansprechpartner. „Wir versuchen den ganzen Prozess unter 30 Tagen zu halten“, sagt Rütten. Sollte sich diese Frist verzögern, würden die Bewerber darüber informiert. Rütten und mit ihm die Kindernothilfe achten nicht nur aus Rücksicht auf die Bewerber auf eine angenehme Bewerbungsphase, es dient auch der Organisation: „Wir arbeiten als Spendenorganisation mit einem sehr kleinen Budget für die Personalbeschaffung und setzen daher stark auf Weiterempfehlungen.“ Außerdem bewürben sich viele Personen, die erst kürzlich ihren Abschluss gemacht haben. „Selbst wenn sie jetzt eine Absage erhalten, ermutigen wir diese Absolventen, sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal bei uns zu bewerben.“ Bei jedem Verfahren, bei dem eine neue Stelle im Unternehmen besetzt werde, seien dementsprechend Bewerber dabei, die es zuvor schon einmal versucht haben und eine Absage einstecken mussten.

Damit eine Absage nicht entmutigend und unpersönlich wirkt, haben Rütten und seine Personalabteilung knapp 100 Vorlagen für Absageschreiben: „Jedes Absageschreiben enthält bei uns eine klare Aussage dazu, wie die Bewerbung auf uns gewirkt hat.“ Außerdem erhalte jeder, der im Vorstellungsgespräch war, einen Anruf mit Feedback – das AGG sei kein Hinderungsgrund für ihn. Auch Unternehmensberater Christoph Athanas sieht Wege für ein Feedback, trotz AGG: „Man kann das Absageschreiben wertschätzend formulieren, sagen, was einem gefallen hat, und das Angebot machen, in Kontakt zu bleiben.“ Auch Mittelständler mit einem geringen Budget hätten die Möglichkeit, mit einfachen Mitteln den Bewerbungsprozess angenehmer zu gestalten.

Erste Unternehmen hätten damit begonnen, den Bewerbern vor Vorstellungsgesprächen eine Kurzbiographie ihrer Gesprächsteilnehmer zu schicken. Diese Firmen wollen damit ein Gefälle ausgleichen. Denn während der Arbeitgeber dank Lebenslauf und Anschreiben bestens informiert ist, weiß der Bewerber vorher oft nicht einmal, wer ihm im Vorstellungsgespräch gegenübersitzen wird. Augenhöhe sieht anders aus.

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