https://www.faz.net/-gyl-8xb57

Arbeitgebermarke : Kein Zutritt für Bewerber

  • -Aktualisiert am

Auch Fachanwalt Bredereck bemerkt, dass die Unternehmen verschreckt sind, er findet aber, völlig zu Recht: „Es gibt ein endloses Feld an Diskriminierungen. Die Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie damit umgehen.“ Tückisch sei auch, dass der Arbeitgeber, wenn der Bewerber ein begründetes Indiz für eine Diskriminierung vorlegt, selbst beweisen muss, dass er nicht diskriminiert hat. „Beweisen Sie mal etwas, das nicht passiert ist“, sagt Bredereck. Das alles führe zu Vorsicht und im Endeffekt zu standardisierten Absagen. Laut der „Recruiting Trends“-Studie gibt nur ein Viertel der befragten Unternehmen an, Absagegründe zu nennen, während sich das gleichzeitig neun von zehn Kandidaten wünschen. 70 Prozent der Unternehmen geben an, auch in Zukunft daran nichts ändern zu wollen. Bredereck kann das verstehen und rät seinen Mandanten gar ausdrücklich zu Standardabsagen; individuelle Gründe für eine Absage zu nennen, lasse das AGG nicht zu: „Das ist die gemeinsame Kröte, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer schlucken müssen, um weniger Diskriminierung zu erzielen. Feedback ist damit natürlich dem Arbeitnehmer praktisch genommen.“

Aber gerade fehlendes Feedback mache Bewerbern zu schaffen, sagt Bewerber-Coach Bernd Slaghuis: „Unpersönliche Absageschreiben geben den Bewerbern keine Chance, zu wachsen und dazuzulernen.“ Manche Bewerber riefen dann den Arbeitgeber an und bekämen unter der Hand ein Feedback. „Ich bin der Meinung, dass jeder Bewerber eine Antwort erhalten sollte, auch wenn es eine Absage ist. Aber nicht einmal das ist gelebte Praxis.“ Bewerber, die sogar zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden, wünschen sich ein individuelles Feedback statt einer Standardabsage. Das sei wertschätzend und vermittle Transparenz. „Ich verstehe jedoch auch die Angst der Arbeitgeber vor rechtlichen Folgen solcher Auskünfte.“

Mehr als nur ärgerlich

Geringschätzung und mangelnde Transparenz sind nicht nur ärgerlich für den Bewerber, sie schaden auch dem Unternehmen, wie der Berater Athanas zusammen mit Peter Wald, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Personalmanagement, in einer Studie aus dem Jahr 2014 herausgefunden hat. Rund 1400 Arbeitssuchende wurden dafür zu ihren Erfahrungen im Bewerbungsprozess befragt. „Eine Standardabsage oder gar keine Informationen über den Grund der Absage können massive Auswirkungen haben. Wenn ich mich als Bewerber nicht wertschätzend behandelt fühle, werde ich wahrscheinlich nie wiederkommen“, sagt Autor Wald. Und die Unternehmen haben noch einen weiteren Nachteil: Wie sie ihre Bewerber behandeln, spricht sich herum. Laut der „Candidate Experience“-Studie berichten vier von fünf Bewerbern ihren Freunden und Familien von ihrer Bewerbungserfahrung. Rund ein Viertel teilt die Erfahrungen in sozialen Netzwerken mit oder bewertet die Arbeitgeber auf Plattformen wie Kununu. „Der Bewerbermarkt ähnelt heute einem Kundenmarkt. Wenn der Kunde nicht zufrieden ist, kauft er nicht“, sagt Athanas. Fachkräfte würden knapp, und die Unternehmen müssten sich mehr Mühe geben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Lässt Statistiken für sich sprechen: Premierminister Boris Johnson

Londons stiller Triumph : Das Ende der Astra-Zeneca-Skepsis

Die Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffs in Berlin und Paris haben in London Befremden hervorgerufen. Das Einschwenken beider Länder auf den britischen Impfkurs wird nun mit Genugtuung quittiert.
Konzernzentrale und Stammwerk: der Daimler-Standort in Untertürkheim

E-Auto statt Verbrennungsmotor : Daimler baut sein Stammwerk um

400 Millionen Euro an Investitionen sollen Stuttgart-Untertürkheim ins Elektrozeitalter bringen. Statt Verbrenner-Großserie heißt es künftig: E-Auto-Campus und Batteriezellproduktion.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.