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Massenbewerbungsaktion : Mein Weg an Bord

Rein oder raus? Die Bahn hat für Fachkräfte und Quereinsteiger reichlich Platz – nicht nur an ihrem schnellsten Arbeitsplatz, dem ICE. Bild: dpa

Massenbewerbungen sollen der Deutschen Bahn in nur einer Woche 1000 neue Mitarbeiter einbringen. Kann das funktionieren? Ein Selbstversuch.

          5 Min.

          Heute ist mein Vorstellungsgespräch. Der Ort ist leicht zu erkennen, die Deutsche Bahn hat in der Einfahrt des Dorint Hotels an der Kölner Messe zwei mannshohe Fahnen aufgestellt. Drinnen erwartet mich am Ende eines langen Flures ein großer Aufenthaltsraum: schwarze Ledersessel, Tee, Kaffee, Kekse. An elektronischen Terminals kann man sich über freie Stellen informieren, es liegen Broschüren über Berufsbilder aus und Gummibärchen. Von einem Wandaufsteller lächelt eine überdimensionale Zugbegleiterin mit Uniform und Dutt, darunter der Leitspruch der Rekrutierungsabteilung: „Willkommen, du passt zu uns.“ Die Damen am Empfang bleiben aber lieber beim Siezen. „Sie haben sich bei uns als Erste-Klasse-Stewardess beworben?“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Ja, das habe ich, probehalber. Schließlich ist das hier kein stinknormaler Vorstellungstermin. Es ist „Deutschlands größtes Bewerbungsgespräch“. Bis einschließlich diesen Samstag versucht die Bahn an sieben Orten quer über die Republik verteilt, massenhaft Personal zu rekrutieren. Sie hat dafür große Flächen in Hauptbahnhöfen geräumt und Säle in Hotels angemietet. Einen Vorstellungstermin bekommen die Kandidaten ganz unkompliziert: einfach eine E-Mail mit dem Wunschberuf an die Personalabteilung schicken und den Lebenslauf anhängen. Nach einer telefonischen Terminvereinbarung steht das Gespräch. Und es geht sogar noch unkomplizierter: Seit 6 Uhr morgens dürfen Bewerber auch spontan vorbeikommen. 1000 neue Fachkräfte und Quereinsteiger sollen nach der Aktion rekrutiert sein, so das Ziel.

          Die 1000 neuen Mitarbeiter sind für die Bahn bitter nötig, denn sie fehlen an allen Enden. „Viele Kollegen verlassen uns altersbedingt“, sagt Kerstin Wagner, die bei der Bahn für die Talentgewinnung verantwortlich ist und sich die Massenbewerbungsaktion zusammen mit ihrem Team ausgedacht hat. Weil der Arbeitsmarkt boomt, die Konkurrenz groß ist und junge Menschen in Deutschland demographiebedingt immer weniger werden, mangelt es an Nachwuchs. Viele Bahn-Berufe gelten zudem als unattraktiv, weil sie mit Schicht-, Wochenend- und Feiertagsdiensten einhergehen. Besonders übel steht es um das Image des Lokführerberufs. Einst Kleine-Jungen-Traum, setzt sich zunehmend das Bild von Langeweile und Machtlosigkeit im Führerstand durch. Auch generell steht es mit dem Ruf der Bahn nicht zum Besten: In diesem Jahr dominierten die zeitweilig gesperrte Rheintalstrecke, Rangeleien um Vorstandsposten und abermalige Preiserhöhungen die Schlagzeilen. In der Bevölkerung hält sich zudem hartnäckig das Bild von häufigen Verspätungen und schlechter Informationspolitik.

          Verheddert in Schwarzteesorten

          Mit mir im Pausenraum wartet Christa Breuer – sie schert sich nicht um das Image der Bahn. Die 53 Jahre alte gelernte Bürokauffrau hat sich als Zugbegleiterin beworben. Sie erzählt, dass sie derzeit in der Disposition eines Kurierdienstes tätig ist und ihr betriebsbedingt gekündigt wurde. Auch zuvor war sie schon häufiger für Betriebe tätig, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Jetzt will sie etwas ganz Neues versuchen. „Ich reise gern, arbeite gern mit Menschen, und bei der Bahn erhoffe ich mir einen sicheren, stabilen Job.“ Neben der Zugbegleiterin wäre sie auch offen, sich hinsichtlich anderer Jobs bei der Bahn beraten zu lassen. Davon gibt es viele zur Auswahl: Allein hier in Köln sind 20 verschiedene Fachkraft-Berufe und 5 Quereinsteiger-Tätigkeiten zu vergeben. Es geht quer durch den Gemüsegarten, zum Beispiel Elektroniker, Fahrdienstleiter, Lokführer, Busfahrer, Bauleiter, Schlosser, Vegetationspfleger, Kranführer, Gebäudereiniger und eben auch: Erste-Klasse-Stewardess, mein Test-Beruf.

          Zwei Damen holen mich fürs Vorstellungsgespräch ab: Katharina Heidrich, Recruiterin, und Manuela Bahr, Gruppenleiterin im Bord-Service-Bereich. Mit dem Aufzug fahren wir ein paar Etagen höher. Wir gehen einen langen Flur entlang in einen Interviewraum. Erst gibt’s eine Standard-Fragerunde („Stellen Sie noch mal Ihren Lebenslauf vor“ – „Warum wollen Sie überhaupt für die Bahn arbeiten?“). Dann geht‘s ans Eingemachte.

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