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Massenbewerbungsaktion : Mein Weg an Bord

„Wir machen jetzt mal ein Rollenspiel“, sagt Manuela Bahr. „Sie haben Dienst in der 1. Klasse, Sie haben schon die Zeitungen verteilt. Jetzt sollen Sie die Leute nach Ihren Bestellungen fragen. Der Zug hat 10 Minuten Verspätung, und die Kaffeemaschine ist kaputt. Ich bin der Gast, Sie sind die Stewardess.“ Ich beginne mich um Kopf und Kragen zu reden. Verheddere mich in Schwarzteesorten, die ich als Alternativen zum Kaffee anbiete. Thematisiere die Verspätung und handle mir eine Schimpftirade ein. Weil ich selbst viel Bahn fahre, kann ich immerhin die Menükarte relativ gut auswendig. Biete „Vollkornschnitten“ mit Salami oder Käse zur Besänftigung an. Nach dem Rollenspiel gibt’s noch Fragen zum Bahn-Wissen und zu Kompetenzen in Teamarbeit. „Wie heißt der Vorstandsvorsitzende der Bahn?“ – „Wie viele Mitarbeiter hat der Bahn-Konzern?“ – „Wie verhalten Sie sich, wenn ein Fahrgast etwas bei Ihnen bestellt, Sie aber gerade völlig im Stress sind?“ Ganz am Ende erfahre ich noch, dass ich rund 2225 Euro brutto verdienen würde, plus Weihnachtsgeld, Schichtzulagen, Umsatzprovisionen und Trinkgeld.

Nach dem Gespräch ziehen sich die beiden Damen kurz zurück, um zu beraten, ob sie mir eine Zu- oder Absage erteilen wollen. Denn die schnelle Rückmeldung ist bei „Deutschlands größtem Bewerbungsgespräch“ Programm. Jeder Kandidat mit Termin soll bis spätestens zum nächsten Morgen erfahren, ob er genommen oder abgelehnt worden ist – manchmal allerdings steht das Ganze noch unter dem Vorbehalt einer medizinischen Eignungsprüfung.

Mit den Vollkornschnitten rausgerissen

„Wir müssen es den Bewerbern so leicht wie möglich machen“, sagt Kerstin Wagner. „Im Internetzeitalter sind sie anspruchsvoller geworden. Wer erst mal tausend Dinge kompliziert ausfüllen muss, klickt schnell weiter.“ Der Erfolg gibt ihr recht: 5000 Bewerbungen hat ihr Team im Rahmen der Aktion erhalten, 2500 Gespräche vereinbart. Allein am Montag sind zusätzlich noch 470 Kandidaten zu Spontangesprächen erschienen. Bis Mittwochabend wurden bei dem Recruiting-Spektakel rund 400 Jobzusagen verteilt.

Die Talentwerber waren von mancher Szene selbst überrascht. Am Sonntag sei ein Vater mit zwei erwachsenen Söhnen erschienen, alle drei wollten sich um eine Stelle bei der Bahn bewerben. Am Montag rückte ein gehörloser Bewerber samt Gebärdendolmetscherin an. Und in Berlin stand so mancher Mitarbeiter der Pleite-Fluggesellschaft Air Berlin vor der Tür. Vielleicht hätte der Erfolg des großen Bewerbercastings sogar noch durchschlagender sein können, hätte die Bahn nicht eine mögliche Werbeplattform komplett vernachlässigt: Auf dem Reiseportal „Bahn.de“, das täglich Abertausende Kunden nutzen, steht kein Sterbenswörtchen von „Deutschlands größtem Bewerbungsgespräch“.

Stephan Fischer, Professor für Personalmanagement an der Hochschule Pforzheim, hat noch andere Kritikpunkte. „Ich sehe die ganze Aktion unter Personalauswahl-Gesichtspunkten eher skeptisch“, sagt er. „Es ist ein bisschen, als schieße man mit der Schrotflinte in die Luft und hoffe einfach, dass etwas herunterfällt. Es wäre interessant, wie viele Kandidaten tatsächlich die Probezeit überstehen.“ Unter Personalmarketing-Aspekten findet der Fachmann das Massenbewerbungsgespräch dagegen ziemlich gut. „Die Leute werden darauf aufmerksam, wie händeringend die Bahn sucht und dass sie moderne Methoden hat“, sagt er.

Christa Breuer ist zurück im Pausenraum und zupft an ihrem schwarzen Blazer. „Ich weiß nicht, ob es gereicht hat“, sagt sie. „So ein paar Geographiefragen hab ich echt nicht gewusst.“ Aber nur fünf Minuten später schüttelt ihr eine Recruiterin die Hand. „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind in der nächsten Runde.“ Und was ist jetzt mit mir? Könnte ich auch anfangen bei der Bahn? „Ja“, sagt Manuela Bahr am Ende. „Mit den Vollkornschnitten haben Sie es noch mal rausgerissen.“

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