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Bewegung auf den Vorstandsetagen : Manager auf dem Durchmarsch

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Im deutschsprachigen Raum wechselten im vergangenen Jahr so viele Vorstandschefs wie nie zuvor. An schlechten Leistungen liegt das nur selten. Oft sind Machtkämpfe mit dem Aufsichtsrat der Auslöser.

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          Lange wurde über den Abgang von Wolfgang Ziebart spekuliert, in der vergangenen Woche war es dann so weit: Der Münchner Chiphersteller Infineon gab bekannt, dass der Vorstandsvorsitzende das Unternehmen verlässt. Wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Geschäftsstrategie, so die offizielle Sprachregelung. Eine höfliche Umschreibung der wochenlang öffentlich ausgetragenen Querelen zwischen Ziebart und Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ziebart ist nicht der erste Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Unternehmens, der in diesem Jahr seinen Platz räumt. In den vergangenen Monaten hat sich die Besetzung etlicher Chefsessel geändert, mal mehr, mal weniger freiwillig. Nach der Razzia der Steuerfahnder im Hause Zumwinkel rückte im Februar Frank Appel vorzeitig an die Spitze der Deutschen Post. Geplanter verlief der Wechsel im Fall Henkel, wo seit April Kasper Rorsted und nicht mehr Ulrich Lehner das Sagen hat. Gleiches gilt für die Stabsübergabe in der Commerzbank von Klaus-Peter Müller zu Martin Blessing vor gut zwei Wochen.

          Gefühlte Fluktuation und echte Zahlen

          Es ist viel in Bewegung auf den Vorstandsetagen - mehr als zuvor. Die Unternehmensberatung Booz & Company, bis vor kurzem noch unter dem Namen Booz Allen Hamilton bekannt, unterlegt die gefühlt hohe Fluktuation mit Zahlen. Seit 1995 verfolgen die Berater die Führungswechsel in den 2500 größten privaten Unternehmen in aller Welt. Das Ergebnis ihrer neuen, Anfang der Woche vorgestellten Studie: Europa, und dort besonders der deutschsprachige Raum, ist international das heißeste Pflaster. Nirgendwo auf der Welt wechseln so viele Unternehmenslenker wie hier. Fast jeder fünfte Vorstandsvorsitzende (19,7 Prozent) verließ im vergangenen Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz sein Unternehmen, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Im europäischen Durchschnitt betrug die Fluktuationsrate 17,6 Prozent, auch das ein Rekordwert und weit über dem internationalen Durchschnitt von 13,8 Prozent. In Amerika und Japan sind die Fluktuationsraten dagegen seit Jahren rückläufig.

          Warum wechseln ausgerechnet hierzulande so viele Unternehmensführer, wo doch Amerika als das Land des Heuerns und Feuerns bekannt ist? Der Sprecher der Geschäftsführung von Booz, Stefan Eikelmann, führt dies auf die starken Kontrollgremien und auf die Regeln zur guten Unternehmensführung zurück: "Die Aufsichtsräte in Deutschland sind unabhängiger und auch vorausplanender, wachsamer als in anderen Ländern." In Amerika sei die Wechselquote schon allein deshalb geringer, weil dort vielfach Vorstands- und Verwaltungsratsvorsitz gebündelt sind, eine Person zugleich Chief Executive Officer (CEO) und Chairman ist. "Es kommt naturgemäß selten vor, dass sich ein CEO selbst entlässt."

          Die Hälfte der Ablösungen geplant

          Rund die Hälfte der Ablösungen im deutschsprachigen Raum fand im vergangenen Jahr geplant statt, etwa aus Altersgründen. Knapp ein Drittel der ausscheidenden Vorstandschefs wurde zum Rücktritt gezwungen, die übrigen Wechsel waren die Folge von Übernahmen. Zu den geplanten Ablösungen des Jahres 2007 zählte zum Beispiel die im Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck. Der alte und der neue Vorsitzende der Geschäftsleitung, Michael Römer und Karl-Ludwig Kley, hatten das Unternehmen über Monate hinweg im Team geführt. Überraschend kam der Abgang von Klaus Kleinfeld an der Siemens-Spitze, nachdem der Aufsichtsrat Kleinfelds Vertrag nicht zum gewünschten Zeitpunkt verlängern wollte. Auch Hans-Joachim Körber hatte wohl nicht damit gerechnet, dass seine Zeit als Vorstandsvorsitzender von Metro schon im vergangenen Herbst enden würde.

          Anders als oft vermutet hat die Leistung eines Vorstandsvorsitzenden laut Studie nur geringen Einfluss darauf, wie sicher seine Position ist. Zumindest nicht gemessen am Aktienkurs. Selbst wenn sich dieser schlecht entwickele, liefen die Topmanager kaum Gefahr, entmachtet zu werden, lautet das Fazit. Die Wahrscheinlichkeit, als Vorstandsvorsitzender aus dem Amt gedrängt zu werden, beträgt demnach 2,1 Prozent. Selbst für Vorstandschefs, die innerhalb von zwei Jahren mindestens ein Viertel des Börsenwerts ihres Unternehmens vernichtet haben, steigt sie lediglich auf 5,7 Prozent. Einer der häufigsten Trennungsgründe seien vielmehr Machtkämpfe zwischen Vorstandschef und Aufsichtsrat - siehe Infineon.

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