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Betriebskindergärten : Geldwerte Glühwürmchen

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Eine Kita zu gründen ist nicht immer leicht: Nun unterstützt ein Verein interessierte Unternehmen dabei Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Sie heißen Technido, Sternchen, Glühwürmchen oder Gummibärchen: Betriebskindergärten. Noch immer schrecken viele Unternehmen davor zurück, einen eigenen Kindergarten zu gründen und zu führen. Der Stuttgarter Verein Kind e.V. will ihnen nun diesen Schritt erleichtern.

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          Sie heißen Technido, Sternchen, Glühwürmchen oder Gummibärchen – und sind ihrer putzig-harmlosen Namen zum Trotz Einrichtungen, für die Unternehmen aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus Geld auf den Tisch legen. Es geht um Betriebskindergärten. In Zeiten des demographischen Wandels lohnt es sich aus Unternehmenssicht immer mehr, um Fachkräfte zu werben und sie möglichst langfristig an den Betrieb zu binden. Das funktioniert unter anderem mit Betreuungsangeboten für den Nachwuchs.

          Trotzdem schrecken viele Unternehmen davor zurück, einen eigenen Kindergarten zu gründen und zu führen. Der Stuttgarter Verein Kind e.V. hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, ihnen diesen Schritt zu erleichtern. „Uns gibt es seit 20 Jahren, wir sind sicher Pioniere auf dem Gebiet“, sagt Waltraud Weegmann, die Geschäftsführerin des Vereins. Zum Dachverein gehören verschiedene Trägervereine, die in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen insgesamt 19 Kindertagesstätten betreiben. „Wir überlegen zu expandieren“, sagt die Geschäftsführerin. Niedersachsen etwa könne bald hinzukommen. Fest geplant sind für das kommende Jahr schon fünf neue Häuser. Bislang gehen etwa 900 Kinder in die Krippen des Netzwerks; die jüngsten sind sechs Monate alt. Insgesamt sind 300 Mitarbeiter in den Einrichtungen beschäftigt.

          Bekannte Unternehmen beanspruchen die Dienste der Stuttgarter

          Die Liste der Unternehmen, die die Dienste der Stuttgarter Kita-Organisatoren in Anspruch genommen haben, ist lang. Bekannte Namen sind darunter wie Daimler, die Max-Planck-Gesellschaft, Bosch, Eberspächer, Lidl, Dekra, die Fraunhofer-Gesellschaft, EnBW, LBBW oder O2. Aber auch kleine Unternehmen lassen sich in Sachen Kinderbetreuung von Kind e.V. auf die Sprünge helfen. Das System funktioniert, indem die Unternehmen Fördermitglieder der Trägervereine werden. Die wiederum planen dann entweder eine reine Betriebskindertagesstätte oder kümmern sich, wenn das Unternehmen zu klein für einen eigenen Kindergarten ist, um Partner. Das können andere Unternehmen sein, die zum Beispiel im selben Industriegebiet ansässig sind, oder auch Kommunen, so dass es am Ende in der Einrichtung öffentliche Plätze und Belegplätze für Mitarbeiterkinder gibt. „Wir beraten und in 95 Prozent der Fälle führen wir die Kita dann auch, bis hin zum Koch“, sagt Waltraud Weegmann. Ihr Verein kümmert sich auch um öffentliche Mittel und Zuschüsse – sowohl für die Anfangsinvestitionen als auch für die Betriebskosten.

          Gratis ist dieser Service nicht. Der Verein ist zwar gemeinnützig, strebt aber eine schwarze Null an; Überschüsse werden investiert. Die Unternehmen zahlen – je nach Trägerverein – einen Jahresbeitrag zwischen 1200 und 3000 Euro plus 300 bis 550 Euro pro Kind. Der weitaus dickere Brocken sind allerdings die Investitionskosten für den firmeneigenen Kindergarten. Diese lägen zwischen 25.000 und 30.000 Euro je Betreuungsplatz. „Ohne Grundstück“, sagt Waltraud Weegmann, die früher Unternehmensberaterin war. „Von 30 Kindern an lohnt sich in der Regel eine eigene Kita“, fügt sie hinzu. Ein Betriebskindergarten kann also durchaus eine Millioneninvestition sein. Zumindest lassen sich aber die laufenden Kosten in der Regel aus öffentlichen Zuschüssen und Elternbeiträgen bestreiten.

          Auch andere Träger bieten Unternehmen an, für sie eine Kinderbetreuung auf die Beine zu stellen – der Familienservice etwa mit mehr als 30 eigenen Einrichtungen oder die Fröbel-Gruppe mit mehr als 100 Häusern. Die Mehrzahl ihrer Einrichtungen sind aber keine Betriebskindertagesstätten. Immer wieder bescheinigen Studien der deutschen Familienpolitik, dass sie bei der Betreuungsinfrastruktur für Kleinkinder hinterherhinke. Dabei führt gerade die Kleinkindbetreuung zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen, die aktuell bei 23 Prozent liegt, ließe sich durch kürzere Babypausen der Mütter verringern. Das allerdings ist nur möglich, wenn es auch genügend Betreuungsplätze gibt. „Das Thema war einige Jahre lang ein sehr ruhiges“, sagt Kind-e.V.-Chefin Waltraud Weegmann. „Dann hat es sich entwickelt.“ Nun würden die Unternehmen trotz Wirtschaftskrise am Ball bleiben, selbst bei großen Umsatzrückgängen. Manche sagten allerdings: „Gott sei Dank haben wird das schon letztes Jahr gemacht.“

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