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Beschäftigungsverhältnisse : Was heißt hier eigentlich normal?

Bild: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak

Zeitarbeit, Minijobs und Teilzeit - während sich die klassische Vollzeitstelle zuletzt auf dem Rückzug befand, gewann die „atypische Beschäftigung“ an Bedeutung. Schwingt das Pendel im Aufschwung nun zurück?

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          Lieber befristet beschäftigt als unbefristet arbeitslos." Der Ausspruch aus dem April 1985 dürfte wohl das zweitpopulärste Zitat von Norbert Blüm sein. Anders als seine Prognose zur Sicherheit der Rente hat das Plädoyer des ehemaligen Bundesarbeitsministers für mehr Flexibilität am deutschen Arbeitsmarkt aber bis heute wenig an Aktualität verloren. "Arbeit für alle" sei das sozialpolitische Gebot der Stunde, kommentierte Blüm damals die Verabschiedung des Befristungsförderungsgesetzes, das zeitlich begrenzte Arbeitsverhältnisse bis zu 18 Monaten zuließ. Die sozialdemokratische Opposition nannte die neue Regelung einen Anschlag auf den Sozialstaat, der dem Arbeitsrecht "alle Knochen" breche.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Mehr als zwanzig Jahre später gehören befristete Arbeitsverträge längst zum beschäftigungspolitischen Alltag. Es hat sich aber in der Zwischenzeit noch viel mehr getan: Denn mit Minijobs, Zeitarbeit, Teilzeitmodellen und staatlich geförderter Selbständigkeit haben weitere Alternativen zum traditionellen Normalarbeitsverhältnis an Bedeutung gewonnen. Arbeitsmarktexperten sprechen von "atypischer", Gewerkschafter auch gerne von "prekärer Beschäftigung". Aber was heißt hier eigentlich normal?

          Als typische Beschäftigung galt in industriellen Gesellschaften lange Zeit eine unbefristete und versicherungspflichtige Vollzeitstelle, bei der - anders als in der Zeitarbeit - Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis identisch sind. Zu deren Erosion hat nicht zuletzt die rot-grüne Bundesregierung entscheidend beigetragen: Mit den Hartz-Reformen wurde sowohl die Selbständigkeit gefördert als auch der Versuch gestartet, mit der Einführung von Minijobs die Schwarzarbeit einzudämmen. Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, kurz AÜG, öffnete den Markt für Zeitarbeit.

          Nach dem Zusammenbruch des „Neuen Marktes“

          Nach dem Zusammenbruch des "Neuen Marktes" zu Beginn des Jahrtausends begannen viele deutsche Unternehmen mit umfassenden Restrukturierungen. Diesen Umbauten fielen zwischen 2001 und 2005 rund zwei Millionen "normaler" sozialversicherungspflichtiger Stellen zum Opfer. Dagegen zeigte sich die Zahl aller Erwerbstätigen - also auch der Selbständigen - weitestgehend stabil und lag stets bei etwa 39 Millionen. Erst mit dem konjunkturellen Aufschwung im vergangenen Jahr erhielt auch die Beschäftigung einen neuen Schub: Im Februar gab es 26,5 Millionen solcher Jobs und damit 650 000 mehr als noch ein Jahr zuvor.

          Den Erfahrungen früherer Konjunkturzyklen folgend, müsste diese Entwicklung auch Auswirkungen auf andere Formen der Beschäftigung haben. Zum Beispiel gilt Zeitarbeit als typischer Frühindikator eines Aufschwungs, der mit zunehmendem Vertrauen in die Konjunktur an Bedeutung verliert. Und tatsächlich: Während Mitte des vergangenen Jahres noch drei Viertel aller neuen Stellen aus dem Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung stammte, ist es derzeit nur noch ein Viertel. Dennoch wächst die Branche zweistellig und will den Monatsschnitt an Zeitarbeitern bis 2010 auf dann eine Million verdoppeln. Sieht so etwa ein Rückzug aus?

          Alle sollen flexibel sein

          Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet nicht damit, dass sich der Trend grundsätzlich umkehrt und der Aufschwung zu einem starken Rückgang der atypischen Beschäftigungsverhältnisse führt. "Der Bedarf nach mehr Flexibilität ist nach wie vor hoch." Dies gelte sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitgeber.

          Allerdings dürfen veränderte Rahmenbedingungen durch den Gesetzgeber nicht unterschätzt werden, wie ein Beispiel zeigt: Die Zahl der mit maximal 400 Euro entlohnten Minijobs legte im ersten Jahr um mehr als 11 Prozent zu und erreichte 2004 mit annähernd 7 Millionen ihren Höchststand. Nachdem die schwarz-rote Bundesregierung aber zuletzt die Pauschalabgaben für die Versicherungsbeiträge erhöht hat, hat der Stand mit 6,1 Millionen mittlerweile wieder annähernd das Ausgangsniveau von 2003 erreicht.

          Dennoch sehen die Gewerkschaften zumindest in einigen Branchen den Trend nicht gebrochen. Im Gastgewerbe etwa würden immer noch Vollzeitstellen in Minijobs umgewandelt, sagt Karin Vladimirov von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Zwar gäbe es keine gesicherten Zahlen, dies gehe jedoch aus den Berichten der Mitglieder hervor. Außerdem würde gerade im Gastgewerbe häufig eine Kombination zwischen Minijobs und Schwarzarbeit angewendet, sagt die Gewerkschafterin, "Schätzungen gehen von jedem dritten Fall aus". Der Trend zur Filialisierung wie etwa im Bäckerhandwerk treibe ebenfalls den Ausbau der Frauen-Domänen Minijobs und Teilzeitarbeit voran.

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