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Berufswechsel : Nie mehr eigentlich

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Eine solche Potentialanalyse hätte Andreas Mildner sich in jungen Jahren gewünscht. Der begeisterte Kampfsportler war gezwungen, seinen Traumberuf aufzugeben: Seine Augen erwiesen sich nach drei Jahren Ausbildung als zu schwach für einen Scharfschützen bei der Polizei. „Einer der harten Jungs, die bei Hitze und Eiseskälte stundenlang auf Dächern liegen und keinen Schmerz kennen“, beschreibt Mildner das Berufsbild, das ihm verwehrt blieb. Stattdessen führte er ein rastloses Leben als Bodyguard, machte seinem Vater zuliebe eine Buchbinderausbildung, schaffte dann den Einstieg in den Vertrieb für Sportpräparate – und hatte plötzlich seine Domäne gefunden.

Auch hier kam es darauf an, diszipliniert zu sein, hartnäckig, zielorientiert. Er übernahm Führungsaufgaben, bildete sich weiter in Selbstpräsentation, Psychologie und Rhetorik, verschaffte sich als Personalberater den Zugang zum Top-Management. Heute, mit 39 Jahren, ist er als provokanter, fordernder Vertriebs- und Rhetoriktrainer, als Redenschreiber und Verhandlungsführer erfolgreich. Immer noch ein harter Junge also, der mit seiner selbst erarbeiteten Mischung aus Reisen und ganzen Tagen im Allgäu bei der Familie glücklich ist. „Aber leicht war es nicht“, sagt er. „Man muss ein dickes Fell haben, um sich ohne die übliche Ausbildung Zugang zu guten Positionen zu verschaffen.“

„Wer gleichzeitig Branche und Beruf wechselt, ist unerfahrener als alle anderen“

Außerdem ist oft sehr viel Fleiß nötig, um Talente und Fähigkeiten aus dem einen in den anderen Beruf zu übertragen. Petra Denner zum Beispiel war als Gefahrgutbeauftragte für die Lagerung und den Transport von radioaktiven Stoffen und Säuren verantwortlich, übernahm Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter und Fahrer und schulte sie. Ihr Umgang mit Menschen machte sie zur Seele des Unternehmens. Heute verdient sie mit Massagen, Mentaltrainings und Seminaren ihren Lebensunterhalt. Jahrelang hat sie sich dafür nach Feierabend, später halbtags, in Psychologie und verschiedenen Heilmethoden fortgebildet und eine Ausbildung für körperorientierte Gesprächsarbeit abgeschlossen. „Menschen zu behandeln, ist meine Berufung“, sagt sie schlicht. „Und was man richtig gern und mit Liebe macht, das macht man auch gut.“

So viel Klarheit und Eigeninitiative bringt längst nicht jeder Veränderungswillige mit. „Es gibt den Typ, der unzufrieden ist, weg will – aber nicht weiß, wohin“, erklärt der Kölner Diplom-Psychologe und Coach Josef Albers. „Mit diesen Klienten mache ich eine Standortbestimmung, frage, was genau sich ändern soll und wie die Rahmenbedingungen aussehen.“ Danach zeige sich meist, an welcher Stellschraube für Lebenszufriedenheit wirklich gedreht werden könne – ob im Privatleben, bei der Wahl des Arbeitgebers oder tatsächlich am Beruf. „Manchmal reicht es, den Arbeitgeber zu wechseln.“ Der andere Typ Klient komme schon mit leuchtendem Ziel vor Augen. „Ihn ermuntere ich, vernünftig zu planen: Habe ich die Energie, die Zeit und das Geld für einen Neuanfang? Und wie steht meine Familie dazu?“ Für das Umfeld ist ein Wechsel meist unbequem. Daher rät Albers, sich Hilfe und Unterstützung bei möglichst unabhängigen Personen zu holen und in kleinen Schritten vorzugehen. „Wer gleichzeitig Branche und Beruf wechselt, ist unerfahrener als alle anderen. Das kann zur Bauchlandung führen.“

Die wollte Angelika Glitz vermeiden. Mit 31 Jahren nahm sie sich drei Monate Auszeit, um ihren Traum, Kinderbücher zu schreiben, auf seine Praxistauglichkeit zu testen. „Mein Ziel war ein fertiges Buch und eine positive Resonanz.“ Immerhin hatte sie nach BWL-Studium und einem Trainee-Programm in der Werbeagentur Ogilvy einen guten Job als Texterin. „Da fühlte ich mich wohl, war aber immer noch nicht richtig angekommen.“ Also fuhr sie nach Bologna zur internationalen Kinderbuchmesse, sprach mit Verlegern, Illustratoren, Fernsehproduzenten. Plötzlich war alles ganz einfach, berichtet sie. „Ich wusste, das war meine Welt. Und wenn man am richtigen Platz ist, geht die Hecke auf.“ Sie veröffentlichte zwei Bücher und schrieb kleine Drehbücher für Kindersendungen im ZDF. Auch als sie Kinder bekam, passte der neue Beruf perfekt. „Ist man einmal im Geschäft, kommen die Aufträge.“ Mittlerweile, sie ist inzwischen 44 Jahre alt, hat sie fast 30 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. „Das ist für mich oft wie Urlaub“, sagt sie. „Aus Wörtern Geschichten werden zu lassen macht mich glücklich.“

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