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Wohin mit ihm? : Der arme Intellektuelle

  • -Aktualisiert am

Ist das Publikum von den Intellektuellen nach Jahrzehnten, in denen moralisierende Großdenker wie Günther Grass sehr präsent waren, genervt von diesem Typus? Bild: dpa

Früher wurden sie bewundert. Heute gibt es kaum noch etwas für sie zu tun. In der Wirtschaft nicht, in der Wissenschaft wenig und nicht im Fernsehen. Lohnt es sich noch, Intellektueller zu werden?

          5 Min.

          Wenn der Intellektuelle nicht unter der Welt litte, wäre er kein Intellektueller. Früher sperrte man ihn weg, heute muss er in die Talkshows, wenn man ihn noch einlädt. Der Intellektuelle Ulf Erdmann Ziegler wurde kürzlich ins Fernsehen geholt und beschrieb in dieser Zeitung, wie es ihm bei „Maybritt Illner“ erging: „Was die Redaktion offensichtlich interessierte, war, ob ich in der Lage sein würde, meine Argumente in Kürze bildhaft vorzubringen.“ Er beschrieb, dass niemand aus der Redaktion ein Buch von ihm gelesen habe oder eine Idee, worüber er überhaupt geschrieben hatte, er sollte einfach den Bösen spielen in einer wie üblich moralisch überhitzten Sendung über Edathy.

          „Dass das deutsche Fernsehen ein bisschen plump wirken kann und immer darauf bedacht ist, nicht mehr als einen Schritt weg zu sein vom Mainstream, war mir schon früher aufgefallen“, schrieb Ziegler, aber er habe gedacht, es „wäre von sehr smarten Leuten absichtlich so inszeniert. Meine berlinische Erfahrung hat Zweifel daran geweckt.“ Früher, zum Beispiel vor 51 Jahren, war das noch anders. Man kann die alten Interviews von Günter Gaus („Zur Person“, ein Einzelgespräch über 75 Minuten) heute auf Youtube anschauen. Da sieht man, wie erkenntnisreich so ein Interview sein kann, wenn nicht inszenierte Konflikte und Gruppenhysterien das Ziel sind, sondern ein echtes Gespräch.

          Dafür ist Neugier an der eingeladenen Person notwendig. Frage an Hannah Arendt: „Empfinden Sie Ihre Rolle im Kreis der Philosophen trotz der Anerkennung und des Respekts, die man Ihnen zollt, als eine Besonderheit, oder berühren wir damit ein Emanzipationsproblem, das für Sie nie existiert hat?“ An Franz Josef Strauß: „Es gibt wohl keinen zweiten Politiker in der BRD, über den so viele festgefügte Urteile und auch Vorurteile, im Guten wie im Bösen, existieren, wie über Sie, Herr Strauß (. . .) Lassen Sie mich bei dem Versuch, ein Strauß-Porträt zu zeichnen, mit der Frage beginnen: Wie erklären Sie sich selbst die Hitzigkeit, die Erregung, die die öffentliche Meinung annimmt, sobald Ihr Name fällt?“ In dieser Sendung soll der Gast nicht vorgeführt, sondern verstanden werden.

          Nicht notwendigerweise viel Wissen

          Jemand, der viel versteht, ist ein Intellektueller. Im Fernsehen geht es um Entertainment. Das geht mit Intellektuellen nicht gut, es sei denn, man will sich über sie lustig machen. Und was soll er sonst tun, der Intellektuelle heutzutage? Im Fernsehen sind die Posten für derartige Moderatoren schon vergeben, Scobel auf 3 Sat ist noch relativ jung und dürfte seinen Posten sobald nicht räumen, und Precht, mitternachts zu sehen, hat noch nicht mal ein einziges graues Haar. Eigentlich müsste der Intellektuelle sehr gefragt sein (Stichwort: „In Bildung investieren“).

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