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Beruflicher Stillstand : Willst du das dein ganzes Leben tun?

Bild: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak

Zehn Jahre Aufstieg hinter und fünfundzwanzig Jahre Arbeit vor sich: Mit Anfang vierzig schlägt die Sinnkrise zu. Das Phänomen ist weit verbreitet, sagen Psychologen. Aber ein Neustart will gut überlegt sein.

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          Siegfried S. ist vierundvierzig Jahre alt, Abteilungsleiter in einer Großbank, genießt relativ viel Entscheidungsspielraum - und sucht eine neue Aufgabe. Daniel U. ist vierzig, Leitender Arzt in einem mittelgroßen Krankenhaus, schiebt zwar viele Überstunden, aber auch viele interessante Einsätze, hat weitreichende Kompetenzen und ein gutes Gehalt - und sucht eine neue Aufgabe.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Hans S. ist einundvierzig, trägt als Leiter eines Logistikunternehmens die Verantwortung für mehrere hundert Mitarbeiter, verdient ein sechsstelliges Gehalt, hat einen schicken Dienstwagen - und sucht eine neue Aufgabe. Noch mehr Beispiele gefällig? Kein Problem, eine Umfrage am Arbeitsplatz oder im Bekanntenkreis förderte eine lange Liste zutage. Im Beruf in einer ordentlichen Position angekommen, ereilt viele Fach- und Führungskräfte mit Anfang vierzig die Sinnkrise. Nicht etwa, weil sie richtig unzufrieden wären mit dem, was sie tun, sondern weil ihnen die Perspektive fehlt.

          Immer gewinnen die anderen

          Zehn Jahre Aufstieg hinter und fünfundzwanzig Jahre Arbeit vor sich, fragen sie sich: War es das? Wo bleibt das nächste Erfolgserlebnis? Soll ich noch fast drei Jahrzehnte dieselbe Treppe hochlaufen, denselben Fahrstuhl benutzen, dasselbe Büro betreten? Hinzu kommen die ewig wiederkehrenden Meldungen, dass gerade ein etwa Gleichaltriger irgendwo Vorstandsvorsitzender geworden ist, dass die immer jünger werdenden Investmentbanker oder M&A-Berater immer höhere Boni einsacken, dass die Bubis auf dem Fußballplatz oder die mit einer Internetbude Millionen nach Hause schleppen, kurz: Immer gewinnen die anderen.

          Da gesellt sich zu dem Gefühl fehlender Perspektiven der Gedanke: Meine Arbeit wird nicht richtig wertgeschätzt, nicht adäquat entlohnt. Und die Menschen, die so denken, werden immer jünger. Die Mid-Career-Crisis schlägt nicht mehr wie früher mit 50 Jahren zu, mittlerweile ereilt sie viele schon mit 40. Was tun? In stiller Verzweiflung warten, bis das Gefühl vorübergeht? Dann mit 50 Jahren zu denen zählen, die nach allgemeiner Lesart beruflich nicht mehr gebraucht werden und sich irgendwie bis 65, jetzt wegen des späteren Renteneintrittsalters eher bis 67 retten?

          Nicol Adler hat schon viele Vierzigjährige mit derartigen Schwierigkeiten gesehen. Das sei ein wirklich kritisches Alter, sagt die Kölner Psychologin, doch die Probleme kämen schon viel früher. Nur merkten das die meisten nicht. „Die Sinnkrise fängt vor allem bei Männern schon mit 30 Jahren an, wird aber jahrelang weggedrückt“, sagt sie. Wenn dann die ersten Zipperlein auftauchten und man(n) körperlich nicht mehr so fit sei, komme der seelische Einbruch. Mit 40 also.

          Die Kunst, im Kopf Freiräume zu schaffen

          „Der erste Lack ist ab. Der Bauch setzt sich durch“, konstatiert die Psychologin schonungslos. Das verbinde sich mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, dem häufigeren Griff zum Glas Bier und sexueller Langeweile. Die ersten Kreislaufzusammenbrüche seien zu beobachten. „Ich hatte so einen Fall. Der hat gerade noch eine Rede gehalten und ist dann einfach weggeklappt.“ Vor allem auf der zweiten Führungsebene sei der Druck hoch, weil er von oben und von unten wirke. „Die müssen sehr viel aushalten“, sagt Adler. Die Kunst sei es, sich im Kopf Freiräume zu schaffen.

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