https://www.faz.net/-gyl-ah5nb

Neue Berufe : Analog in die Zukunft

  • -Aktualisiert am

Zu erinnern helfen: Das könnte ein Beruf von morgen sein. Bild: Jens Gyarmaty

Vieles wird digital, aber nicht alles, sagen Forscher. Beispiele für Zukunftsjobs, die nichts mit Datenanalysen und Künstlicher Intelligenz zu tun haben.

          3 Min.

          Es überrascht wohl niemanden mehr, dass es in Zukunft Quantencomputer-Programmierer, Datenschutzstrategen und ethische Hacker geben wird. Aber auch abseits der Technik entstehen einige ausgefallene Berufsbilder – zumindest, wenn es nach der Studie „100 Jobs of the Future“ der australischen Deakin-Universität geht. Sechs Forscher haben auf Basis einer Literaturrecherche zur Zukunft der Berufswelt ein Forschungsdesign entwickelt, bei dem sie mit elf Experten aus verschiedenen Schlüsselbranchen gesprochen haben.

          Aus deren Einschätzungen zu Fähigkeiten, Aufgaben und Berufsbildern der Zukunft entwickelten die Forscher einhundert neue Berufsbilder, die es in Zukunft geben könnte. Der Trend ist deutlich: Dadurch, dass so viele Routinejobs von Maschinen übernommen werden, sind eher kognitive und kreative Kompetenzen gefragt. Arbeitnehmer müssen interdisziplinär, flexibel und selbständig sein, um sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen.

          Tristan Horx, Trendforscher am Zukunftsinstitut in Frankfurt, glaubt, dass diese Fähigkeiten nicht nur im MINT-Bereich immer wichtiger werden. „Wenn wir so viel mit Maschinen arbeiten, wird gleichzeitig das Zwischenmenschliche viel wichtiger“, sagt der Experte. Lehrer, Pfleger und Co. können eben nicht so leicht von Maschinen ersetzt werden. „Ich glaube, dass es noch lange dauert, bis die menschliche Empathie künstlich nachgebaut werden kann“, sagt Horx. „Und dann ist da immer noch die Frage, ob wir das überhaupt wollen.“ Berufe, die menschliche Fähigkeiten erfordern, können sich also durchsetzen. Vier Zukunftsjobs, die nichts mit Datenanalysen und Künstlicher Intelligenz zu tun haben:

          „Menschen und Maschinen müssen lernen, miteinander zu leben

          Schon heute zeigt sich, dass unsere Gesellschaft dank fortschrittlicher Medizin immer älter wird. „Damit hat der dritte Lebensabschnitt – nach Kindheit und Arbeitsleben – das Potential, der beste unseres Lebens zu werden“, heißt es in der Studie. Dabei helfen soll der sogenannte 100-Year-Counsellor. Er begleitet Menschen ihr ganzes Leben lang und unterstützt sie insbesondere dabei, ihr Lebensende schön zu gestalten. Wo soll ich wohnen? Wie verdiene ich meine Rente? Aber auch: Wie komme ich damit klar, dass mein Körper altert?

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Wer an Demenz leidet und mit der neuen Umgebung nicht klarkommt oder auch nur von der Gegenwart gelangweilt ist, der könnte sich in Zukunft womöglich an die sogenannten Nostalgiker wenden. Sie sollen – so jedenfalls die Vision – die Erinnerungen zurückholen und Personen dabei helfen, Vergangenes neu zu erleben. Das könnte entweder digital über Virtual-Reality-Technologie funktionieren oder ganz analog, indem sie Gegenden einrichten, die der Vergangenheit ähneln. Damit das gelingt, müssen sie sich mit Inneneinrichtung auskennen und gleichzeitig gute Recherchekenntnisse haben. Nur so können sie ein individuelles, realistisches Umfeld schaffen. Schließlich dürfen für ein ultimatives 90er-Erlebnis auch die Center Shocks vom Kiosk nebenan nicht fehlen.

          Nicht jeder muss zum Mond reisen

          Auch für Psychologen bietet die Zukunft ein potentielles neues Arbeitsfeld. Ein künstliches Herz, das den Kreislauf unterstützt, oder eine robotische Handprothese, die sich von Gedanken steuern lässt und durch die man sogar fühlen kann, sind schon heute Realität. Wenn diese Technik aber irgendwann massentauglich wird, wirft das ganz neue Probleme auf. Die Lösung der Zukunft sind sogenannte Cyborg-Psychologen. Sie könnten Menschen dabei helfen, sich an maschinelle Prothesen und Organe zu gewöhnen und damit klarzukommen, „als ein Cyborg zu leben“ – wie es in der Studie heißt. Auch für Menschen, die Probleme haben, zwischen Realität und virtueller Welt zu unterscheiden, sollen die Cyborg-Psychologen eine Anlaufstelle sein. „Menschen und Maschinen müssen lernen, miteinander zu leben“, sagt Experte Horx. „Wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern müssen die Maschinen als unsere Hilfsmittel verstehen.“

          Auch für heutige Reisebegleiter bieten sich neue Karrierechancen. Der Studie nach könnten in Zukunft „Space Tourism Operators“ Touris in Weltraumcamps für ihre Reise trainieren und anschließend auf dem Flug durch unser Sonnensystem begleiten. Zielflughäfen könnten dann statt Mallorca der Mond oder eine internationale Raumstation sein. Möglich wäre es den Studienmachern zufolge, dass das Ganze nicht bloß den Elon Musks unserer Welt vorenthalten bleibt und nicht mehr Millionen US-Dollar kostet, sondern für fast jeden erschwinglich wird – sozusagen eine nette Alternative zum Thailand-Urlaub.

          Aber nicht jeder muss zum Mond reisen, Cyborg-Psychologe werden oder sich zum Nostalgiker weiterbilden. „Durch die Automatisierung wird der Arbeitsaufwand in Zukunft zurückgehen“, erklärt der Experte Horx. „Dann ist Arbeit nur noch eine Nebensache.“ Das Ziel: von einer Work-Life-Balance zu einem Work-Life-Blending überzugehen, wo Arbeit gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Das wären doch gute Aussichten!

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Olaf Scholz wird Kanzler : Plötzlich Liebe

          Aus Niederlagen lernen, ebenso aus Erfolgen – damit hat Olaf Scholz eine politische Karriere gemacht, die ihn bis ins Kanzleramt führt. Selbst seine Partei, die sich lange gegen ihn gewehrt hat, versammelte sich am Ende hinter ihm.
          Schwaches Bild von sich selbst: Wer unter dem Impostor-Syndrom leidet, traut seiner eigenen Berufsbiographie nicht über den Weg.

          Impostor-Syndrom : Wenn man sich niemals gut genug fühlt

          Ein geringes Selbstwertgefühl kann im Beruf dazu führen, dass Hochqualifizierte denken, ihre Stellung gar nicht verdient zu haben. Das Phänomen hat einen Namen: Impostor-Syndrom. Doch was können Betroffene dagegen unternehmen?