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Ungeschützt : Berufe ohne Regeln

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Tätowierer bei der Arbeit: Hat der das überhaupt gelernt? Bild: dpa

Ernährungsberater, Coach oder Tätowierer kann sich jeder nennen. Das birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Nicht zuletzt für die Glaubwürdigkeit der Berufstätigen.

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          Ab wann darf ich meinem Kind veganen Babybrei füttern? Wie bereite ich ein zuckerfreies Schulfrühstück vor? Und: Wie schaffe ich es, dass mein wählerisches Kind gesund isst? Antworten auf solche und ähnliche Fragen liefert Anna Isernhinke auf ihrem Instagram-Kanal. Dort gibt sie nicht nur viele praktische Tipps für Familien, die sich vegan ernähren wollen, sondern positioniert zugleich auch ihr Unternehmen: die Ernährungsberatung Erbsenzähler.

          Welche Qualifikationen ein Ernährungsberater mitbringen muss, um diesen Titel zu tragen, ist allerdings nicht reglementiert. Die Berufsbezeichnung gehört nämlich zu den sogenannten ungeschützten Berufen. Das heißt, dass sich theoretisch jeder Ernährungsberater nennen könnte – ohne besondere Fachkompetenz nachweisen zu müssen. Anders sieht das bei geschützten Berufsbezeichnungen wie Apotheker, Notar und Handwerksmeister aus: So darf sich nur jemand nennen, der den Beruf erlernt hat. Das regelt sogar das Strafgesetzbuch. Und es gibt noch viele Beispiele mehr: So sind auch die Berufsbezeichnungen Lehrer, Rechtsanwalt und Krankenpfleger reglementiert, da für sie eine staatliche Prüfung erforderlich ist.

          Wer einen ungeschützten Beruf ergreifen will, kann meist aus einer Fülle an Aus- und Fortbildungen wählen. Dabei unterscheiden sich Dauer, Form und Inhalt immens – von einigen Wochen bis mehreren Jahren ist alles dabei. Für eine erste Einschätzung bieten sich Verbände und Handelskammern an. Sie informieren über Richtlinien, was man für bestimmte Berufe mitbringen sollte und welche Wege es gibt. Auch Karriereberatungen, etwa bei der Agentur für Arbeit, helfen bei den ersten Schritten.

          Die DGE beispielsweise ist für Ernährungsberater eine gute Anlaufstelle. Sie hat bislang rund 1900 Ernährungsberater ausgebildet, die tragen dann den Zusatz „Ernährungsberater/DGE“. Um zu dem Zertifikatslehrgang zugelassen zu werden, müssen angehende DGE-Ernährungsberater beispielsweise schon ein Studium oder eine Ausbildung in Ernährungswissenschaften oder Ökotrophologie abgeschlossen haben.

          Zum Beweis lieber eine Prüfung

          Anna Isernhinke hat ein Fernstudium bei der Ernährungsfernschule „Ecodemy“ zur „veganen Ernährungsberaterin“ absolviert. „Es war mir sehr wichtig, meine Ausbildung an einem Institut zu machen, das mit studienbelegten Inhalten arbeitet und nicht nur irgendeinen Wochenendkurs anbietet“, sagt sie. Denn sie weiß, dass sie ihre Fachkompetenz beweisen muss. Seit 2015 lebt die gelernte Erzieherin schon vegan, kann also auf persönliche Erfahrung zurückgreifen. Als sie ihr viertes Kind bekam, nutzte sie die Elternzeit, um ihr Wissen zu vertiefen, und absolvierte das Fernstudium. Das Zertifikat hat die heute 38-Jährige prominent auf ihrer Website platziert. In den Unterrichtsstunden ging es unter anderem um Nährstoffkunde, Körperfunktionen und Beratung an sich. Rund 1700 Euro investierte sie in den Kurs.

          „Ich finde es schwierig, dass sich eigentlich jeder Ernährungsberater nennen kann“, sagt Isernhinke. Ginge es nach ihr, würde sie gern eine Prüfung ablegen, um ihre Kompetenz zu beweisen und dafür eine staatliche Anerkennung bekommen. Etliche Berufe lassen sich allerdings nicht in starre Kategorien einordnen: „Dafür sind viele Tätigkeiten zu vielschichtig“, sagt Rechtsanwalt Tim Hoesmann von der gleichnamigen Berliner Kanzlei. Vor allem neuere Berufsbilder wie Tätowierer oder Coach seien häufig nicht reglementiert, weil es sie erst vergleichsweise kurz gibt.

          Nicht nur Ernährungsberatung liegt voll im Trend, auch Tätowierer gibt es hierzulande immer mehr. „Das liegt bestimmt auch daran, dass sich eben jeder Tätowierer nennen kann“, sagt die Kölner Tätowiererin Lana Aanstoot. Einen vorgeschriebenen Weg gibt es nicht, theoretisch kann jeder selbst die Nadel in die Hand nehmen und drauflosstechen. „Es gibt sehr viele gute, professionelle Tätowierer, die einen hohen Anspruch an ihre Arbeit haben. Aber mittlerweile gibt es immer mehr Privatpersonen, die sich als Tätowierer bezeichnen, ohne professionelle Ausbildung, und so die Szene in Verruf bringen“, sagt Aanstoot.

          „Überhaupt keine Richtlinien“

          Auch beim Bundesverband Tattoo heißt es: Viele Bereiche der Branche sind noch unzureichend oder gar nicht geregelt. Das stört zum einen die Behörden und verunsichert zum anderen auch die große Zahl der Tattoo-Kunden. Der Bundesverband will deshalb unter anderem einheitliche Arbeits- und Hygienestandards etablieren sowie Aus- und Weiterbildungen anbieten.

          Aanstoot kam über ihren eigenen Tätowierer zum Beruf – und hat sich auch bei ihm über den Karriereweg informiert. „Mir war schon früh klar, dass ich einen kreativen und menschennahen Beruf ausüben möchte“, sagt sie. Also absolvierte sie eine Ausbildung in einem Tattoo-Studio. Doch wirkliche Vorschriften gab es nicht. „Es kann also sein, dass ein Studiobesitzer einen nach kurzer Zeit tätowieren lässt oder dass es einige Jahre dauert. Es gibt überhaupt keine Richtlinien, und jeder Studiobesitzer entscheidet selbst, wie er ausbildet“, sagt sie. Seit fünf Jahren ist sie selbständig und setzt bei ihren Kunden vor allem auf intensive Beratung. So will sie sich nicht nur von der Konkurrenz abheben, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit unterstreichen.

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