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Beruf und Familie : Das Gefasel vom Neuen Mann

Das traditionelle Rollenmodell hat in verschiedener Hinsicht weniger Reibungsverluste zur Folge: Sind Aufgaben wie früher üblich klar verteilt, kommen sich Ehepartner seltener ins Gehege. Teilen sie diese dagegen neu auf, komme es plötzlich zu Konflikten übers Wäschewaschen, Einkaufen, Kinderabholen, beschreibt ein Freund, der drei Kinder und die Arbeit in einem Dax-Konzern unter einen Hut bekommt. Die Betreuungseinrichtungen, die Kindern bis in den Nachmittag hinein ein Hort der Geborgenheit sind, fangen zwar vieles auf. Doch gerade Kinder werden heute allzu oft in die Erfordernisse der Effizienz hineingepresst. Welche Disziplin wir ihnen etwa beim Anziehen oder auf dem Weg in den Kindergarten abverlangen, hat wenig mit unserer eigenen behüteten Kindheit zu tun.

Von Vertretern der älteren Generation ist manchmal zu hören, dass es uns mit dem Ausbau von Betreuungsplätzen leichtgemacht werde. Das mag man so sehen. Aber etliche Altersgenossen überkommt das Gefühl, das demographische Fiasko ausbügeln zu müssen, dass die kinderarmen Jahrgänge vor ihnen angerichtet haben. Am Arbeitsmarkt erleben sie einen hohen Produktivitätsdruck, auch weil Fachkräfte durch effizientere Arbeitsprozesse kompensiert werden müssen. Zu zweit finanzieren derweil leistungsstarke Ehepaare die Rente der Ruheständler und die öffentlichen Ausgaben des Staats über ihre Steuerzahlungen. Gleichzeitig können (und, zugegeben: wollen) sie nicht mehr ein Elternteil dafür abstellen, Kinder großzuziehen, wie es früher möglich war. Wir sind dazu verdammt, das hinzubekommen. Dass ein Teil unserer Steuern dafür genutzt wird, uns das Leben ein bisschen zu erleichtern, scheint allzu gerechtfertigt.

Väter mit Babys können sich mehr leisten als Mütter

Väter, die sich einbringen, erleben manchmal kuriose Dinge: Es mag an einer gewissen männlichen Dreistigkeit liegen, es mag mit einer besonderen Solidarität von Männern untereinander zusammenhängen - jedenfalls können sich Väter mit Babys und kleinen Kindern mehr leisten als Mütter. In meinem Fall mag hinzukommen, dass man Journalisten ohnehin mehr durchgehen lässt, aber: Ich habe schon zahllose Interviews mit Baby auf dem Schoß geführt, ein Vorstandsvorsitzender trug vor einem gemeinsamen Mittagessen den Kinderwagen durchs Foyer seines Konzernsitzes, ein anderer Unternehmenschef nahm klaglos hin, sich in einem Stadtteil-Café statt einer Business-Lounge zum Gespräch zu treffen und meiner Tochter beim Malen zuzusehen. Einer Frau hätte man das wohl kaum zugestanden. Das macht manches leichter.

Wer in den Jahren, bevor er Kinder hatte, Spitzenleistungen von sich gewohnt war, muss sich mit weniger zufriedengeben: Im Beruf, als Vater, als Partner gleichzeitig zu glänzen ist deutlich schwieriger, als wenn man sich nur in zwei Kategorien bewähren muss. Sich vom Anspruch zu lösen, überall perfekt zu sein, ist wahrscheinlich der erste Schritt, mit dem gewachsenen Druck klarzukommen. Ein Freund sagte kürzlich, wir müssten lernen, Mittelmäßigkeit in einzelnen Subsystemen zu akzeptieren. Es wäre versöhnlich, wenn seine Kinder ihm in zwanzig Jahren zurückmelden könnten, er habe beides anständig hinbekommen. Nicht als strahlender Held wolle er dastehen, sondern als jemand, der ganz okay war. Und dafür kann es weder eine To-do-Liste noch einen passenden Ratgeber geben. Vielmehr kommt es auf die innere Haltung an.

Dieser Freund ist Arzt. In seinem Beruf erlebt er etwas, das für viele andere Arbeitnehmer bislang noch völlig aussichtslos erscheint: Der Arbeitsmarkt ist so eng, dass im Gesundheitswesen viele neue Modelle ausprobiert werden. So ist es zum Beispiel nicht unüblich, dass Führungspositionen auch an Teilzeitkräfte vergeben werden. Mediziner sind in dieser Hinsicht vielleicht wirklich die Avantgarde: Sie proben ein neues Führungsverständnis, das die Vorstellung hinterfragt, Entscheidungsstärke lasse sich durch Anwesenheit oder ein hohes Arbeitspensum erreichen. Die Ärzteschaft lernt gerade, was vielleicht in zwei Jahrzehnten normal ist: Wer sich um vier Uhr zum Kinderturnen verabschiedet, muss kein schlechter Chef sein. Auch das ist in Skandinavien längst eine Binsenweisheit.

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