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Typologie des Rücktritts : Ich bin dann mal weg

Manchmal hilft nur noch der Notausgang. Bild: picture-alliance / Image Source

Wie beendet man Karrieren eigentlich am besten? Wir haben geschaut, wer es wie gemacht hat: Von „Ehrgeizling“ Roland Koch bis „Streber“ Philipp Lahm gibt es verschiedene Typen der Schlussmacher.

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          Mit dem Rücktritt verhält es sich so ähnlich wie mit dem Verkauf von Aktien: Der optimale Zeitpunkt ist kaum zu finden. Entweder man wirft zu früh die Brocken hin und lebt fortan weiter mit der bohrenden Frage, ob nicht doch noch etwas mehr drin gewesen wäre. Oder aber man überspannt den Bogen, klammert sich an seinem Posten fest und wird den anderen nach und nach zur Last. Dabei hat schon der römische Philosoph Seneca gewusst: „Wie bei einem Theaterstück kommt es beim Leben nicht darauf an, wie lange es dauert, sondern wie gut es gespielt wird.“

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Umso überraschender scheint es, dass in der Management-Literatur der geordnete Rückzug bislang sträflich vernachlässigt worden ist. Während sich ganze Gebirge mit Ratgebern für den schnellen Weg nach oben auftürmen lassen, wartet die Welt auf Titel wie „Richtig zurücktreten“ oder „Auf Wiedersehen in sieben Schritten“ bislang vergebens. Dabei entfaltet die Art und Weise, wie man seinen Abschied nimmt, eine große Wirkung auf die öffentliche Wahrnehmung. Und darauf, ob und wie man im nächsten Job seine Rückkehr feiern kann. In diesem Jahr gab es schon einige spektakuläre Rücktritte. Wir analysieren die Abgänge und ihre Botschaften:

          Roland Koch: Der Ehrgeizling

          Der jüngste Knaller wurde vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten gezündet, dessen Rückzug von der Spitze des Baudienstleistungskonzerns Bilfinger zu Beginn der Woche bekannt wurde. In seiner Zeit als Berufspolitiker hat Koch gelernt, wie man die Deutungshoheit auch über unangenehme Ereignisse erlangen kann. Dass Manager und Unternehmen sich „in gegenseitigem Einverständnis“ trennen, ist ja längst nur Standardfloskel in den dazugehörigen Pressemitteilungen geworden. Der Kämpfer Koch hat es aber anscheinend geschafft, die offizielle Sprachregelung dahin gehend festzulegen, dass letztendlich sein großer Ehrgeiz und sein hohes Tempo bei der Umsetzung seiner Strategie zur Trennung geführt haben. Ansonsten habe er fast alles richtig gemacht, betonten die Verantwortlichen nach der Trennung denn auch gebetsmühlenartig. Vordergründig ein Sieg selbst in der Niederlage.

          Ging anscheinend nur ungern: Roland Koch
          Ging anscheinend nur ungern: Roland Koch : Bild: dpa

          Signalwirkung: Ja, warum musste er denn dann überhaupt gehen, wenn er so gut war? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf bei einem solchen Ausstieg und lässt Zweifel aufkommen an den Lobpreisungen auf die scheidende Führungskraft. Dass in Zeiten, in denen angeblich eine Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer innerlich längst gekündigt hat und nur noch Dienst nach Vorschrift verrichtet, ein Spitzenmanager gehen muss, nur weil er zu schnell und engagiert arbeitet, glaubt in Wahrheit doch kein Mensch. Vielmehr blühen die Spekulationen über die wahren Motive der Trennung.

          Franz-Peter Tebartz-van Elst: Der Abgetauchte

          Tür und Tor wird der Spekulation erst recht geöffnet, wenn der Abtretende mehr oder weniger über Nacht aus der Öffentlichkeit verschwindet. So geschehen beim Amtsverzicht des damaligen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst in diesem Frühjahr. Eine dürre Mitteilung mit der Bitte um Vergebung war alles, was die Gemeinde noch von ihm zu hören bekam, nachdem die Baukosten für sein Diözesanes Zentrum in Höhe von mehr als 30 Millionen Euro nach und nach an die Öffentlichkeit gekommen waren. Dabei hatte sich der Amtsträger lange uneinsichtig gezeigt und hinter den Kulissen von Rom beim Papst um seinen Posten gekämpft.

          Ging wohl mit Gott, auf jeden Fall aber eher uneinsichtig: Franz-Peter Tebartz-van-Elst
          Ging wohl mit Gott, auf jeden Fall aber eher uneinsichtig: Franz-Peter Tebartz-van-Elst : Bild: dpa

          Signalwirkung: Ein solcher Abgang ist verheerend. In der Öffentlichkeit bleibt hängen, dass hier keine Einsicht regiert, sondern ein Getriebener immer nur jene Schritte tut, zu denen er von außen gezwungen wird. Im Falle des emeritierten Bischofs soll ein Umzug im Herbst nach Regensburg auch einen persönlichen Neuanfang einläuten. Dass man ihn überall mit offenen Armen empfangen wird, muss allerdings bezweifelt werden.

          Michael Hartmann: Der Reumütige

          Erst vor wenigen Wochen schockte der bis dahin als solide geltende SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann die Öffentlichkeit mit seinem Geständnis, die Droge Crystal Meth gekauft und konsumiert zu haben. Von seinem Amt als innenpolitischer Sprecher trat Hartmann zurück. Zwar kam die Wahrheit auch erst ans Licht, nachdem sein Name in Zusammenhang mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gebracht worden war. Dennoch startete Hartmann erst gar nicht den Versuch, sich aus der Sache rauszureden und den Kontakt mit dem verbotenen Methamphetamin zu leugnen.

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