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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung : „Jena und Potsdam sind jetzt kleine Münchens“

  • Aktualisiert am

Steffen Kröhnert Bild: Archiv

Im Großraum München sind die Aussichten zum Leben und Arbeiten am besten. In Ostdeutschland holen immerhin die Städte auf - und die Geburtenzahlen steigen, sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung im F.A.Z.-Interview.

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          Herr Kröhnert, Sie haben zum dritten Mal die demographische Lage der Nation untersucht. Wo lebt es sich denn in der Zukunft am besten?

          Generell sieht in der schrumpfenden Gesellschaft die Entwicklung in Metropolregionen wesentlich günstiger aus als im ländlichen Raum. Gerade junge Leute zieht es in die Großstädte und deren Umland. In der Wissensgesellschaft entstehen dort die meisten neuen Arbeitsplätze. Dagegen gibt es immer weniger Tätigkeiten, die viel Fläche brauchen, etwa in der Landwirtschaft oder in der Fertigungsindustrie.

          Von den besten 20 Regionen liegen 15 in Bayern. Was macht der Freistaat besser?

          Diese Entwicklung lässt sich seit längerem beobachten. Bayern war früher ein reines Agrarland und bis Anfang der neunziger Jahre auch ein Nettoempfänger im Finanzausgleich. Deshalb war es aber auch nicht belastet mit Altindustrien wie Kohle, Stahl oder Schiffbau, die während des Strukturwandels zum Problem wurden. Vor allem der Großraum München konnte mit seiner Wissensindustrie durch die Globalisierung so richtig durchstarten.

          Also ist das plakative Konzept Laptop und Lederhose aufgegangen?

          Ja, da ist was dran. Und es hat sich in der Wirtschaftskrise bewährt. Während in der vergangenen Studie noch vor allem Regionen in Baden-Württemberg auf den vorderen Plätzen lagen, sind diese durch den Einbruch der Industrie zurückgefallen.

          Wobei das ein Rückschlag auf hohem Niveau ist. Im Grunde ist doch der Süden Deutschlands weiterhin deutlich attraktiver als etwa der Osten.

          Insgesamt stimmt das, aber es hat sich einiges getan: Potsdam und Jena haben es erstmals unter die besten zwanzig Regionen geschafft, auch Dresden hat sich deutlich verbessert. Das sind für mich die kleinen Münchens mit ihren wissensbasierten Dienstleistungen in insgesamt eher strukturschwachen Regionen.

          Also raten Sie zur Landflucht?

          Es ist entscheidend, wo eine ländliche Region liegt. In Freising bei München sind die Aussichten ausgezeichnet. Für Regionen, die wirklich an der Peripherie liegen, wird es allerdings schwer. Hier stehen die Entwicklungschancen eher schlecht. Man muss aber sehen, dass sich in allen Regionen die Situation am Arbeitsmarkt während des vergangenen Aufschwungs deutlich verbessert.

          Nun kann ein Landrat die Lage seines Kreises nicht eben mal verändern. Gibt es dennoch positive Beispiele, um aus Randlagen das Beste zu machen?

          Da fallen mir relativ wenig ein. In der Region um Cloppenburg und Vechta hat man es geschafft, durch qualifizierten Zuzug und einen Geburtenüberschuss das Humankapital zu stärken. Auch hat man die Wertschöpfungskette in der Region gehalten. Durch Agrarproduktion, Dienstleistungen und Lebensmittelindustrie hat die Region trotz ihrer Randlage eine sehr gute wirtschaftliche Entwicklung genommen. Hier wurden auch lange Zeit die meisten Kinder in Deutschland geboren.

          Diesen Titel hat sich jetzt mit dem Landkreis Demmin in Mecklenburg-Vorpommern ausgerechnet eine ostdeutsche Kommune gesichert. Wie ist das passiert?

          Zum einen hat in den westdeutschen ländlichen Regionen lange Zeit das Familienmodell des männlichen Alleinernährers dominiert. Die jungen Frauen wollen heute aber häufig nicht mehr so leben wie ihre Mütter, sondern legen mehr Wert auf ihren Beruf. Weil aber die Betreuungsmöglichkeiten auf dem Land oft nicht sehr gut sind, passt sich das Geburtenniveau nach unten an. Im Osten dagegen hat sich zum einen der Geburtenknick nach der Wende langsam ausgeglichen, zum anderen hat sich das Elterngeld auf Frauen, die nur kurzzeitig aus dem Beruf aussteigen wollen, positiv ausgewirkt. Wir merken, dass die Geburtenzahlen in Deutschland in den letzten Jahren eher dort gestiegen sind, wo viele Frauen erwerbstätig sind. Wo noch das alte Familienmodell vorherrscht, ist die Kinderzahl je Frau tendenziell gesunken.

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