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Berater : Der Feind in meinem Büro

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Unternehmensberater haben ein schlechtes Image. Wo immer sie auftauchen, fürchten Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze. Dankbarkeit sollten Berater nicht erwarten. Über den Umgang mit der Ablehnung.

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          Als die Bodyguards kommen mussten, geriet Bernhard Henn* ins Grübeln. Ein Team von Unternehmensberatern, das abends vom Werksschutz in Limousinen mit verdunkelten Fenstern vom Gelände gebracht werden musste? Weil draußen der Mob tobte, für seine Arbeitsplätze und den Erhalt des Betriebes streikte? So hatte er sich seinen Beruf nicht vorgestellt. Bald zwei Jahrzehnte ist das jetzt her, Bernhard Henn ist trotz dieses Erlebnisses dabeigeblieben und mittlerweile Partner einer großen Managementberatung, mehr als 50 Mitarbeiter umfasst sein Team. Doch dieses Projekt wird er nie vergessen, es hat ihn geprägt, ihn nachdenklich gemacht.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das Image von Unternehmensberatern in der Bevölkerung ist denkbar schlecht. Arrogante Schnösel, Arbeitsplatzvernichter - wo immer die Damen und Herren in den dunklen Anzügen auftauchen, macht sich Misstrauen breit. Betreten Berater einen Raum, verstummen Gespräche. Gehen sie mit in die Kantine, setzen sich die Mitarbeiter des Unternehmens ostentativ weg. „Wir werden oft angefeindet“, erzählt Henn. „Leider ist das kaum einem klar, der diesen Beruf ergreift.“ Zu verlockend ist die Aussicht, direkt nach dem Studium auf den Chefetagen der Wirtschaft mitzumischen, der Adrenalinstoß, wenn der Vorstand nach einer Präsentation der Berater applaudiert.

          Wenn es um Gefühle geht, machen Berater oft dicht

          Bernhard Henn ist einer der wenigen Unternehmensberater, die überhaupt bereit sind, über die weniger schönen Seiten ihres Berufs zu sprechen. „Ach, Sie wollen das von der psychologischen Seite aufrollen?“ Skeptisch fragt die Pressereferentin einer Münchener Unternehmensberatung nach und versichert - ganz Profi -, sich zeitnah zu melden. Per Mail kommt dann die Absage, kurz, freundlich, entschieden: Leider, leider stehe kein geeigneter Gesprächspartner zur Verfügung, aber ein anderes Mal bitte wieder gerne. Zwei weitere renommierte Beratungsunternehmen winken gleich ab: Zurzeit seien mögliche Interviewpartner in Projekte involviert. Mit Studien, wie es um die Wirtschaft bestellt ist, drängen Berater in die Öffentlichkeit. Wenn es um Gefühle geht, machen sie dicht.

          Zwar gibt es sie auch, die angenehmen Beratungsprojekte, Wachstumsstrategien entwickeln, Expansionspläne schmieden, aber das Gros des Geschäfts der großen Beratungsgesellschaften ist Umstrukturierung. Unternehmensberater werden vor allem dann gerufen, wenn die Kosten sinken sollen. Personal wird verschlankt, sprich entlassen, und die Berater rechnen vor, warum das wirtschaftlich gesünder ist. Es geht um FTEs, Full Time Equivalents (also Vollzeitstellen), und um MAKs, Mitarbeiterkapazitäten. Der Berater Mitte zwanzig sitzt mit dem Bereichsleiter zusammen, den die Belegschaft nur aus der Ferne kennt. „Das würde mir als Mitarbeiter auch nicht gefallen“, sagt Henn. Einmal hat sich während eines seiner Projekte ein Mitarbeiter vom Dach des Unternehmens gestürzt. „Da fühlt man sich schon verantwortlich.“ Seinen Eltern hat Henn lange Zeit nicht erzählt, was genau er beruflich macht.

          „Die Warnung vor Überheblichkeit gilt immer“

          Wie heikel der Beratereinsatz sein kann, hat auch Ralf Peters* schon erfahren. Vier Jahre hat der Volkswirt für eine Düsseldorfer Unternehmensberatung gearbeitet, heute ist er bei einer Bank in Stuttgart angestellt. „Das Phänomen hat sich nicht geändert, da ist ein junger Kerl oder eine junge Frau, die können sich in kurzer Zeit so hoch fahren, dass sie zum Kern der Aufgabenstellung vordringen, sie umreißen wesentliche Dinge, stellen gute Fragen und haben in Richtung Management eine gewisse Durchsetzungskraft.“ Und das frustriere die Mitarbeiter, die argumentieren: Das, was die Externen vorschlagen, das schlagen wir dem Vorstand schon seit Jahren vor. Auf uns hat keiner gehört. Moralische Bedenken hat Ralf Peters „eigentlich nie gehabt“, aber die eine oder andere schlaflose Nacht, wenn es um eine Standortverlagerung ging und darum, „Familienvätern zuzumuten, künftig 100 Kilometer pendeln zu müssen. Da ist man mitten im prallen Leben.“

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