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Digitaler Wandel : Beim Schulfach Informatik hinkt Deutschland hinterher

Digitalwissen: In Deutschland fehlen das Schulfach und Lehrer dafür. Bild: dpa

Ob Lettland, Bulgarien oder Serbien – hier erhalten Kinder systematisch Informatik-Unterricht. Doch in vielen deutschen Schulen kommt das Fach kaum vor, zeigt eine Analyse. Die Rufe nach einem Aufbruch werden lauter.

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          Grundkenntnisse in Informatik sind nicht erst seit einigen Jahren von wachsender Bedeutung – im Berufsleben wie auch im Alltag, wenn es um das Verständnis immer vielfältigerer digitaler Anwendungen geht. Während eine große Mehrheit der Länder in Europa deshalb inzwischen Informatik zum Pflichtstoff an allgemeinbildenden Schulen macht, liegt Deutschland in dieser Hinsicht weit zurück. Das zeigt eine aktuelle Analyse des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, die der F.A.Z. vorab vorliegt.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          In 28 von insgesamt 37 untersuchten europäischen Ländern erhalten Schüler mindestens für Teile ihrer Schulzeit flächendeckend verpflichtenden Informatikunterricht, in einigen Ländern schon von der Grundschule an, weist die Analyse aus. Deutschland hingegen zählt zu einer Gruppe von 9 Ländern ohne flächendeckenden Pflichtunterricht in diesem Fach. Die meisten Bundesländer bieten Informatik entweder nur als Wahlfach, nur in kurzen Einheiten oder gar nicht an, weist die Analyse aus, die sich auf Daten aus einer Erhebung der EU-Kommission stützt. Nur Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen stechen mit einem mindestens zweijährigem verbindlichen Informatikunterricht insofern positiv heraus.

          „Um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nicht noch weiter zu gefährden, müssen nicht nur alle Bundesländer ein Pflichtfach Informatik einführen, sondern dies auch über einen Zeitraum von mehr als ein oder zwei Jahren anbieten“, heißt es in dem Papier, das der Stifterverband zusammen mit der Heinz-Nixdorf-Stiftung erarbeitet hat. So sieht es auch der Digitalverband Bitkom: „Deutschland braucht ab Sekundarstufe I einen bundesweit verpflichtenden Informatikunterricht, der vorrangig Programmierkenntnisse, aber auch gesellschaftlich-kulturelle und anwendungsorientierte Diskussionen zu digitalen Technologien fördert.“

          Fast 100.000 Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt

          Ein zentrales Argument ist der Wandel auf dem Arbeitsmarkt, der die Nachfrage nach digitalen und informatischen Kompetenzen in sehr vielen Berufsfeldern stark steigen lässt. Der Stifterverband verweist auf eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung, wonach solche Kenntnisse mittlerweile in vier von fünf Berufen vorausgesetzt werden, unter hoch qualifizierten Berufen gelte das sogar für 94 Prozent. Und einer Bitkom-Erhebung zufolge waren schon 2021 fast 100.000 Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt – bei absehbar stark steigendem Bedarf.

          Es geht dabei aber nicht nur um ökonomische Aspekte, sondern auch um die Bedeutung für die Gesellschaft insgesamt, wie der Stifterverband betont, eine traditionsreiche Gemeinschaftsinitiative der deutschen Wirtschaft: „Mündigkeit setzt einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien voraus“, hebt er hervor. „Nur wer informatische Kompetenzen hat, kann die Chancen und Risiken einer digitalisierten Welt realistisch bewerten“ – ob im Datenmanagement, in Fragen des Schutzes persönlicher Daten oder in der digitalen Kommunikation.

          Zwar hat sich die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder, bei denen Schulhoheit liegt, in jüngerer Zeit mehrfach zu dem Ziel einer Stärkung des Informatikunterrichts bekannt. Doch fehlt es nach Ansicht von Kritikern – wie so oft – an einer entschlossenen Umsetzung. In einer von der KMK Ende 2021 beschlossenen Empfehlung hieß es: „Es sollten in den kommenden Jahren Umsetzungsstrategien zur Förderung informatischer Kompetenzen erarbeitet werden.“ Und weiter: „In diesem Zusammenhang muss geklärt werden, wie mit einem Unterrichtsfach Informatik an allgemeinbildenden Schulen umgegangen werden soll.“

          20.000 Lehrkräfte fehlen

          Im September 2022 legte die Ständige wissenschaftliche Konferenz der KMK ein breit angelegtes Gutachten vor, das hierzu deutlicher wird – aber eben zunächst nur ein Gutachten ist: Bisher sei die „Vermittlung digitaler Kompetenzen und Informatikinhalte noch nicht ausreichend in den Bildungsplänen verankert“, schreib sie – und empfahl, von der 5. Klasse an „Informatik als Pflichtfach in allen Ländern ab dem Schuljahr 2024/25“ einzuführen.

          Die aktuelle Auswertung des Stifterverbands stellt fest, dass es in einigen Bundesländern nun tatsächlich Fortschritte geben soll. So planten Niedersachsen, das Saarland und Schleswig-Holstein, von Herbst 2023 an ein Pflichtfach Informatik „sukzessive“ flächendeckend einzuführen. Hamburg wolle 2024 folgen. Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen hätten inzwischen zwar schon Pflichtunterricht eingeführt, mit einer Dauer von weniger als zwei Jahren blieben sie aber bisher hinter den Empfehlungen zurück.

          In der Spitzengruppe des europäischen Vergleichs finden sich indes zum Beispiel Bulgarien, Griechenland, Lettland, Serbien und Bosnien-Herzegovina. Dort findet von den Grundschulen an fortlaufend Informatikunterricht statt. Hierzulande gibt es indes neben politischem Zögern und der Frage, was dafür im Lehrplan entfallen soll, noch ein praktisches Problem: Nach Hochrechnung des Stifterverbands fehlen 20.000 Lehrkräfte für Informatik – auch deren Schulung muss erst einmal in ausreichender Breite organisiert werden.

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