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Begriffe aus der Arbeitswelt : Unsere Unworte des Jahres 2020

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Neue Normalität: Bei Remote-Konferenzen im Home Office standen Arbeitnehmer 2020 vor sehr ungewohnten Challenges. Bild: Reuters

Wir wollen sie im kommenden Jahr nicht mehr hören oder uns über sie ärgern: In diesem besonderen Jahr gab es in der Arbeitswelt auch besonders viele inflationär genutzte Begriffe. Die Favoriten der Redaktion.

          7 Min.

          Remote

          Wenn Corona eines gezeigt hat, dann das: Es geht mittlerweile fast alles „remote“: lernen, Krimidinner veranstalten, Kaffeetrinken, Theaterstücke anschauen, Freunde treffen und natürlich arbeiten. Viele Gesprächspartner und Kollegen verwenden das Wort mit einer eher positiven, verbindenden Konnotation: „Ich kann wegen der Pandemie nicht zur Konferenz anreisen, schalte mich aber von remote zu.“ Oder: „Der Kongress ist ausgefallen, fand aber als Remote-Version statt.“ Dabei ist „remote“ von der Wortbedeutung her viel eher das, was in der Pandemie viele fühlen: Ein Begriff, der große Entfernung, Abgeschiedenheit, ja sogar eine gewisse Einsamkeit signalisiert. „Remote islands“ sagt man zu solitär gelegenen Inseln im Ozean, „remote regions“ zu abgelegenen Regionen irgendwo im Nirgendwo. Leider ist das Wort nun im digitalen Zeitalter zu einer Art Mischmasch verkommen: nah und fern zugleich. Ja, was denn nun? Da hilft nur noch, den Begriff für das zu verwenden, was die Amerikaner als „Remote“ bezeichnen. Richtig: die Fernbedienung.

          Nadine Bös

          Hybride Veranstaltung

          Seit wir uns im Corona-Krisenmodus bewegen oder eben nicht bewegen, werden analoge Treffen mit virtuellen kombiniert, um zueinanderzukommen. Manchmal klappt das zwischen Berlin und Bozen blendend, manchmal ist das ein Akt virtueller Verzweiflung. Genannt wird das „hybride Veranstaltung“, noch innovativer „hybrides Event“. Und alle murksen irgendwie mit, haben einen Etat, eine Ausstattung, die sie vor IT-Rätsel stellt, mal flackert der virtuelle Hintergrund, mal das instabile Internet, Leute fliegen raus, und alle erleben das Learning by doing mit. Das lenkt von Inhalten ab. Die Sehnsucht nach rein analoger Begegnung wächst sekündlich. Anders zeigt sich das, wenn ein souveräner, technikaffiner „Host“ zugange ist, sozusagen ein hybrider Dompteur, Frau oder Mann, die oder der zuschaltet, wegschaltet, stummschaltet und das Videokachelspektakel freundlich-autoritär leitet. Gelingt das, dann ist das großes Kachelkino, misslingt es, dann klingt hybrid zwar nebulös, aber wenigstens trendy. Wir tun was! Als Pausenfüller oder Überbrückungshilfe bietet sich übrigens der optische Einspieler „Das letzte Abendmahl“ sehr frei nach Leonardo da Vinci an: Da sitzt Jesus allein am Tisch und stellt seinen zwölf Aposteln, die nur als Videokacheln erscheinen, die Frage aller Fragen: „Sind jetzt alle da? Könnt ihr mich sehen?“

          Ursula Kals

          Generation Greta

          Verallgemeinerungen sind praktisch und unnütz zugleich. Ja, da engagiert sich eine beeindruckende Menge an jungen Menschen im Rahmen von „Fridays for Future“. Und es ist nur zu begrüßen, wenn sich möglichst viele mit Vehemenz für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit einsetzen und vielleicht auch ihren künftigen Arbeitgeber im Hinblick darauf wählen. Höchste Zeit, zu handeln, ist bekanntlich allemal, und neben eindringlichen Appellen an Politik wie Wirtschaft kann man auch gleich bei sich selbst beginnen. So konsequent wie Greta Thunberg – nicht fliegen, vegan leben, möglichst wenig konsumieren – dürften es indes nur wenige ihrer Altersgenossen halten. Doch vor allem: Ein ordentlicher Teil ihrer Generation hat mit „Fridays for Future“ wohl wenig bis gar nichts zu tun und beim eigenen Tun die Umwelt kaum im Blick oder demonstriert bloß munter mit. Zu viele Widersprüche, um einer ganzen Generation ein einheitliches Label zu verpassen. Pauschalisieren hilft selten weiter und ergibt es eine noch so schöne Überschrift.

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